Paganini´s...

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Freitag, 30. März 2012

Literatur als Sirenengesang!

Paganini´s verehrt Dieter Wellershoff auch als Literatur-Theoretiker!
1965 initiierte er den "neuen Realismus", auch als "Kölner Schule" bekannt. 1980 schrieb er seine bekannte Novelle "Die Sirene". Es geht um eine "Irritation" und es geht um Literatur, Wahrnehmung und Sprache. Es geht um die Macht der Imagination.

Zwei Zitate werden vom Autor vorangestellt und sie dürfen auch als Zitate gelesen werden, die über Literatur sprechen:

"Die Sirenen lebten auf einer Insel vor der italischen Küste. Wenn sich Schiffe näherten, sangen Sie betörend, daß die Seeleute ihre Heimat vergaßen und willenlos auf der Sirenen-Insel verkamen, die von gebleichten Knochen weiß wurde...Nach spätklassischen Äußerungen mußten die Sirenen sterben, wenn jemand heil an ihrer Insel vorbeikam." (Lexikon der antiken Mythologie)

"Welcher Art war der Gesang der Sirenen? Worin bestand sein Mangel? Warum verlieh dieser Mangel ihm solche Macht? Die einen haben von jeher geantwortet: Es war ein nichtmenschlicher Gesang, ein natürliches Geräusch (gibt es denn andere?), aber am Rande des Natürlichen, dem Menschen in jeder Hinsicht fremd, sehr leise, geeignet, ihm jene Lust zu bescheren, die im Fallen besteht und die er im gewöhnlichen Leben nicht befriedigen kann."
(Maurice Blanchot, Der Gesang der Sirenen)


By Udo Weier


 Weiter, an anderer Stelle:



„Literatur, die etwas taugt, ist gefährlich“, schreibt Dieter Wellershoff an einer Stelle seines
Buches „Der verstörte Eros. Zur Literatur des Begehrens“, „denn sie rührt an
die Sprengsätze der menschlichen Existenz. Sie kann gefährlich sein für den
Leser, weil sie ihn mit Erfahrungen konfrontiert, die er in den Routinen und
Begrenzungen seines alltäglichen Lebens gewöhnlich zu vermeiden versucht.
Und sie ist vor allem gefährlich für den Autor, der sich […] in ihrem Dienst
auf eine Höllenfahrt begibt, dabei allerdings in ihr einen mächtigen Schutz
genießt. Denn in ihr verwandelt er auch die Irrtümer, Niederlagen und Verletzungen
seines Lebens in eine Erfahrung der Kompetenz.“



By Superbus


Und hier Dieter Wellershoff in einem Interview:

Peter Clös
Wie entstehen die Einfälle und Motive?

Dieter Wellershoff
Das lebensgeschichtlich entstandene und immer weiterentwickelte Grundinteresse des Autors an den Menschen und an der Welt wirkt wie ein Resonanzboden, der in Schwingung gerät, wenn in der Außenwelt oder im Bewusstsein des Autors ein Motiv auftaucht, das genügend Reiz und Geheimnis hat, um seine Phantasie zu beschäftigen. Das kann dann zu einem Kristallisationspunkt werden, der immer mehr Einfälle und Eindrücke anzieht und immer mehr Komplexität entwickelt. Dann beginnt die konstruktive Phantasie zu arbeiten. Aber am Anfang steht immer eine überraschende, meist noch nicht ganz verständliche Evidenz.

Peter Clös

Was hat denn das Schreiben und freie Imaginieren der alltäglichen Wahrnehmung voraus?

Dieter Wellershoff

Alltäglicherweise sehen wir die Welt in den Mustern unserer Routinen und Gewohnheiten als etwas mehr oder minder Bekanntes, in dem wir uns schnell zurecht finden und über das wir uns schnell untereinander verständigen können. Die Wahrnehmung steht im Dienst des praktischen Handelns. Die Imagination dagegen wird durch Irritationen und Überraschungen ausgelöst, die den Zusammenhang unserer Sehgewohnheiten durchbrechen und dadurch schlafende, elementare Interessen in uns wecken. Sie lädt uns ein zu einer Entdeckungsreise in eine komplexere Welt. Man kann dieses Zusammenspiel zweier alternativer Wahr-nehmungsformen als einen Ausdruck der exzentrischen Position des Menschen begreifen, die darin besteht, dass wir als körperliche Wesen immer in ein konkretes Hier und Jetzt gebannt sind, aber im Unterschied zu den Tieren, uns viele andere Existenzen, Geschehnisse und Welten vorstellen können, also in einem theoretisch unbegrenzten Horizont von Möglichkeiten leben. Wir können uns frei in diesem imaginären Horizont bewegen, weil damit im Gegensatz zum praktischen Handeln keine unmittelbaren Risiken verbunden sind. Die Imagination ist die Bühne unserer Freiheit und damit auch unserer Selbstreflexion und unserer möglichen Veränderungen.

Peter Clös
Sie haben die Literatur als eine imaginäre Probebühne beschrieben, auf der wir uns, entlastet von den Risiken der Praxis, alle Möglichkeiten und Risiken des Lebens vor Augen führen können. Ist das ein unverbindliches Spiel?

Dieter Wellershoff
Keineswegs. Es kann auch eine Höllenwanderung sein. Ein Blick in die eigenen Abgründe, eine Konfrontation mit den eigenen Fehlern, Schwächen und Ängsten, mit der Fremdheit der Welt, der Zufälligkeit von Glück und Unglück und der Unausweichlichkeit des Sterbenmüssens. Nicht alle Menschen haben den Mut, in den Spiegel ihrer Existenz zu blicken. Doch wer sich dem stellt, kann die eigenartige Erfahrung machen, dass die dargestellten Geschehnisse, so erschreckend und
irritierend sie auch sein mögen, sich in der Gestalt neuer Erkenntnisse und erweiterter Lebenskompetenz in einen Gewinn verwandeln. (http://www.lutherkirche-koeln.de/Dieter_Wellershoff.aspx)


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