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Mittwoch, 29. August 2012

Protokoll-aus-Schnitt

"Menschenlichter im Tollhaus": Felix im Glück. Protokoll V.

Erwin Olaf by Marjolein Benard @ flickr


Felix im Glück


Unsanft lande ich in der Matrix einer Person, mit der ich verschmelze und die Felix heißt.
Felix ist ein jung gebliebener Fünfziger.
Felix, so weiß ich als Felix, heißt Glück.
Ich bin also Felix und laufe an einem Bahndamm entlang. Hüpfenden Herzens laufe ich seit zwei Stunden den Bahndamm hinauf und hinunter und schreie mein Glück in die Dunkelheit einer anbrechenden Nacht, die mir wunderbar zu sein scheint.
Das Leben drückt manchmal schwer und manchmal möchte man den Hut in die Luft werfen und einen Looping kreisen machen und vor Glück schreien.
Das Leben tut heute weh vor lauter Freude.
Ich habe es geschafft!
Ich habe das Buch geschrieben, das ich habe schreiben wollen. Ich habe es an einen Verlag geschickt und ich habe das Buch zur Verwirklichung preisgegeben, wie ich mich, ein Jahr hindurch, an das Buch gegeben habe.
Das Buch ist im Dämmerlicht geschrieben, symbolisch betrachtet, es beobachtet Menschen im Dämmer ihres So-Seins. Es schmeichelt den Menschen nicht durch Kerzenschein. Es zeigt Ihr Leben im dämmrigen Schattendasein  und ich bin, wie ein anderer  Großer auch, der Ansicht, dass Dämmer die einzig wahre Menschheitsbeleuchtung ist!
Im Übrigen bin ich schon immer ein Dichter gewesen, ein Dichter der Menschheit, wie ich mich insgeheim von jeher nenne, kein Humanist übrigens und kein Gutmensch, aber ein exzessiver Menschheitsdichtermensch!
Und doch verbringe ich, die meiste Zeit meines alltäglichen Daseins, in einem ganz spießbürgerlich zu nennenden Beamtendasein, schließlich verdiene ich mein Geld als  Lehrer, an einem der letzten  humanistischen Gymnasien dieser Stadt. Ich bin ein guter Lehrer, ich bin auch gerne Lehrer, aber das Lehrerdasein ist ausschließlich zum Schutze meiner Dichterseele vorhanden.
Solchermaßen schätze ich die Struktur meiner Fassade und dichte mehr oder weniger in gestohlenen Dämmerlichtstunden. In den Clubs und Zirkeln der pulsierenden Orte der Stadt, bin ich dennoch ein Bekannter und auch schon irgendwie Anerkannter, weil an mancher Stelle mit Kultverdacht Bedachter.
Als Juliana, vor drei Jahren, aus dem Fenster des fünften Stockes gesprungen ist, war ich seltsam gefasst gewesen, zunächst, dann seltsam ergriffen und danach tatsächlich verzweifelt.
Jetzt, wo ich vor Glück platzen möchte, sprechen meine Lippen, im Takt meines Herzens, zu der toten Juliana.
Juliana ist Musikerin gewesen und sie hat sich eine Zeit lang, mit Tremolo und Tango in der Stimme, in die Herzen der Stadt gesungen, bis ihr Stern zu sinken begann.
Sie konnte auch klassisch. Als sie mir, in einem nach Parfum duftenden Privatkonzert, ein Lied aus Schuberts Winterreise gesungen hat, ein Lied, das eigentlich einer Männerstimme zugeschrieben wurde, und
“diese Straße musst Du gehen, die noch keiner ging zurück, die noch keiner ging...”
mit diesem Blick, den sie mir während dieser Zeilen geschenkt hatte, zu ihrem eigenen Lied gemacht hat, spätestens da hätte mir die ungemein ungestüme Dramatik ihrer Seele bewusst sein müssen.
“Der Mensch ist frei!”, habe ich wütend gedacht, als sie mich angerufen hat, mitten in der Nacht, um mir mitzuteilen, was sie nun in die grausige Tat umzusetzen gedenke.
“Der Mensch ist frei, in seinen Gedanken und in seinen Erfindungen!”
Von diesem Gedanken bin ich auch heute, im Hier und Jetzt  am Bahndamm laufend und letztlich glücklich in meinem Erfülltsein, überzeugt.
„Der Mensch ist frei, wenn er weiß, dass er sich stetig erfindet, zwischen der Leere und der Möglichkeit des Gedachten. Du bist frei“, dachte ich, „solange Du nicht gesprungen bist!“
Aber sie ist gesprungen und sie war frei. Sie ist gesprungen, weil sie sich mit sich selbst und ihrer Dramatik so identifiziert hat, dass sie sich für schlüssig halten musste, in Ihrem Tun und sie war dennoch frei, wenngleich sie ihre Freiheit schon lange vergessen hatte.
Aber sie hätte den Sprung aus dem Fenster ihres Hauses sein lassen  können. Sie hätte ihren Wunsch, mich und die Welt zu bestrafen, für unseren Mangel an Konsistenz der Anerkennung, auflösen  können. Aber sie wollte es nicht sein lassen. Sie lebte ja auf, in ihrem letzten, selbst geschriebenen Kapitel des Lebensbuches.
Ich laufe und laufe die Bahngleise entlang und lobe mein Lehrerdasein.
„Ja, ich sei eine gespaltene Existenz“, hat sie mir an den Kopf geworfen, „ja, das sei ich!“
Das  bin ich aber nicht.
Ich weiß nur um unterschiedliche Existenzformen. Wenn es die Freiheit gibt, gibt es keine eine Form, es gibt nur Findungen und Erfindungen in die Form hinein, in denen wir leben.  Nur wenn wir zu lange in einer Form stecken bleiben, glauben wir an diese Form, als das unsrig Vorgegebene. Das aber ist eine Illusion!
Sie ist doch eine Künstlerin gewesen, sie hätte doch wissen müssen, wie wir das ICH zeichnen und stricheln, im ewigen Wunsche und doch immer versagen werden, wenn wir glauben, das sei das Fatum und Faktum.
Ich bin heute glücklich, weil mein Buch veröffentlicht werden wird und doch werde ich schon Morgen neu anfangen, in meinem Ringen um mich selbst.
Ich werde den Lehrer in mir bekämpfen müssen und den geschmeichelten Dichter nur kurzfristig geschmeichelt sehen, um den Sturz von Juliana, aus ihrem Fenster, als Dichtender neu zu erfinden. Doch sie wird triumphieren, in ihrem auf immer und ewig Tot-Sein!
Ich werde, nach einer Woche  des glückseligen Ausruhens auf meiner Dichtung, die neue erste Zeile formen und wissen, sie ist nichts und doch groß, wie alles und jedes nichts ist und groß. Aber frei, frei, frei und immer in der Schuld!
Gott sei mir gnädig!
Ich liebe sie auch heute.
Nur heute liebe ich sie! Aber Gott sei mir gnädig!
Ich stolpere, stürze fast, aber ich stehe auf, fange meinen Hut aus der Luft wieder auf und gehe weiter am Bahndamm entlang und wachse nicht mit jedem Schritt, aber weine.
Meine Seele singt ihren Chanson, den sie für mich geschrie-ben und komponiert und gesungen auf CD gepresst hat.
 Ich habe diese CD einen Tag nach Ihrem Fenstersprung in einem Kuvert in meinem Briefkasten vorgefunden.
Es ist ein ganz alberner Chanson, ein Zeugnis ihres schwin-denden Talentes:

Als der Nebel niedertropfte, die Nacht sich Schleier angelegt,
 ich den Spiegel sehen wollte, dich dort nicht mehr sah! Wie sonderbar, wie sonderbar, es war doch einmal wunderbar..!
Als die Sonne Wunder hoffte, der Mond sich Kleider umgelegt,
 du mir meine rauben wolltest, ich sah mich so nah!  Wie wunderbar, wie wunderbar, doch so fremdlich sonderbar..!
Als der Regen Wolken suchte, Schutz sich ausgesucht, IchDu in den Pfützen hüpfend, Füße mit den Flügeln schlugen!  Wie wunderbar, doch sonderbar,
 so sonderbar und wunderbar..!

Als die Flügel nicht mehr winkten, warst Du doch nach Haus gegangen,
 mich hast Du nur fast gefangen, 
(zu) früh mich vergessen, dann und wann! Wie sonderbar, wie sonderbar, es ist noch immer wunderbar….!

Juliana ist tot gewesen und ich habe diese Zeilen, von ihrer Stimme, vorgeträllert bekommen. Sie ist eine dumme Person gewesen. Nichts weiter!
Ich ziehe den Hut ins Gesicht. Er hat seinen Looping gehabt.
Das soll für heute genügen!
Aus der Ferne höre ich den Zug heranrollen.
Keine Angst! Mich kriegt er nicht!





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