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Donnerstag, 1. November 2012

Protokoll-aus-Schnitt!


"Menschenlichter im Tollhaus". Annalena Bergengruen. Protokoll I!


Erwin Olaf by TiJsB @ flickr


Fliegende Träume haben mich getragen und nun bin ich im Tollhaus gelandet. 
Ich heiße Annalena. Ich bin einunddreißig Jahre alt. 
Ich lebe seit fünf Jahren in Berlin. 
Es ist 22.30 Uhr, ein Dienstag und ich stehe vor meinem Elternhaus, in einer teuren Kurstadt, in Westdeutschland. Ich finde es schick, inzwischen in Berlin wohnend, Westdeutschland als Kategorie zu denken. 
Die Mauer ist längst gefallen und doch ist noch der Flair eines Sonderstatus über meiner neuen Heimat. Diesen Status nutze ich zum Schutze meiner Autonomie. 
Gerade auch heute und in diesem Moment, vergegenwärtige ich mir den Charakter getrennter Welten in unserem Land. Zu Besuch in meiner alten Welt, meiner Geburtsstadt, werde ich mich dagegen verwehren, in alte Kleider zurückschlüpfen zu müssen. Es wird schwer werden. 
Meine Mutter ist krank. Genau gesagt: Meine Mutter wird sterben. Das wissen die Ärzte, das weiß mein Vater, das weiß die gesamte Familie, also auch ich und das weiß meine Mutter. In diesem Wissen, habe ich meine Mutter, im letzten halben Jahr, dreimal besucht. 
Ich weiß, weil ich es so beschlossen habe, dass dies mein letzter Besuch, bei meiner noch lebenden Mutter sein wird. Vor fast einem Jahr haben die Ärzte die Diagnose gestellt und eine verbleibende Lebenszeit von ungefähr zwei Monaten prognostiziert. Auch damals bin ich sofort zu meiner irritierten und verstörten Familie gefahren. Dies ist inzwischen mein fünfter „Abschiedsbesuch“, nach der Prophezeiung ihres baldigen Ablebens. Damit soll es genug sein. 
Ich kann nicht mehr Theater spielen. Meine Mutter ist siebzig Jahre alt. Ihr Aussehen war bei meinen vergangenen Visiten durch die Krankheit nur geringfügig in Mitleidenschaft geraten. 
Sie hat immer jünger ausgesehen, als sie gewesen ist. Ihr Teint ist sehr hell, fast rein zu nennen, mit einem zarten Rosa, ohne jegliche Kunst, auf den Wangen. Sie war und ist schön, auf ihre leicht spießig-rüschenblusige Art. Ihr Gesicht kann sehr lieb aussehen, wenn sie sich geliebt fühlt. Und ihr Gesicht kann einer, im stummen Dauervorwurf festgefrorenen, Maske gleichen, wenn sie sich in Frage gestellt fühlt. Ihr Selbstbild ist einfach wie eine Affirmation, die sich nicht erfüllt, aber an sich glaubt:
“ Ich bin eine aufopferungsvolle, liebe Mutter und Ehefrau!“ 
In dieser Formel hat meine Mutter sich selbst definiert und erfunden. Ich habe nie verstanden, warum meine Mutter zu der ihr innewohnenden Grausamkeit fähig sein konnte und sich ein liebes Lächeln, sekundenschnell, zu einer eisigen Fratze verwandeln konnte. Meine Mutter hat sich wie eine Tanzmaus um ihr Selbstbild gedreht. Vermutlich ist das ihr Lebenshalt gewesen. Sie hat jeden zu zerstören versucht, der ihr Selbstbild unter neuen Aspekten anzusehen versuchte. Und ich habe oft unter diversen Blickwinkeln danach geforscht, wer meine Mutter ist. Ich spürte ihre dunkle Angst vor der eigenen Wahrheit. Ich spürte, dass sie mich fürchtete, weil ich etwas in ihr sehen konnte, das sie selbst zu erkennen, nicht würde ertragen können. 
Heute Nacht werde ich mit meiner Mutter allein sein, denn mein Vater ist noch bis Morgen Nachmittag bei seiner Schwester. Mein Vater ist fast zwanzig Jahre älter als meine Mutter. Niemand hatte es für möglich gehalten, dass sie vor ihm fortgehen werde. Ich habe bei jedem Besuch meiner Eltern denselben Zug, von Berlin kommend, genommen. Jedes Mal bin ich um 22.30 Uhr vor der Tür des Elternhauses gestanden. Jedes Mal hatte meine Mutter auf mich gewartet, neben dem Vater auf der Couch sitzend. 
Auf der Herdplatte ist dann noch ein leckeres Essen gestanden, das von mir nur erwärmt werden musste. Fast jedes Mal hat meine Mutter, auch schon in der ersten halben Stunde nach der Begrüßung, ein Briefkuvert in meine Hand geschoben, in dem sich mehrere Geldscheine befanden. Ich war froh gewesen, als ich in Berlin einen schlecht bezahlten Job, als Nachhilfelehrerin für Migrantenkinder, bekommen hatte. Ich lebe von der Hand in den Mund und verfluche die Ferientage. Ich bin ein weiblicher Looser, aber meine Träume sind groß. Ich kämpfe täglich gegen das Zerbrechen und um die Befreiung meiner Person. 
Nun stehe ich in der Dunkelheit, vor der verschlossenen Tür, meines Elternhauses. Ich erwarte das erfreute Lächeln meiner Mutter zum Empfang und ihre im Triumph geröteten Wangen. „ Mein Kind ist gekommen, weil es mich, seine liebe Mama nötig hat!“. 
Das liebe Lächeln meiner Mutter, lächelte in steter Wiederkehr, diese Botschaft in mein Gesicht.
Diesmal wollte ich dieses weglächelnde Lächeln, diese Tünche meiner Verzweiflung, nicht mehr zulassen und nicht mehr erwidern. 
In den letzten Tagen vor meiner Abreise, habe ich mir einen schwarzen Mantel gekauft gehabt, der ein wenig an einen Militärmantel erinnerte, so wie es gerade in Berlin in einer gewissen Szene uptodate ist. Ich hatte in meinen Fantasien das Lächeln in den Augen und auf dem Mund meiner Mutter sterben sehen, angesichts dieses Mantels. Noch wenige Wochen zuvor, hatte sie mir eines ihrer Pakete nach Berlin geschickt. 
In dem Paket lag ein langer brauner Wintermantel, den sie, wie die meisten ihrer gekauften Kleidungsstücke, ermäßigt im Schlussverkauf erworben hatte. 
Der Mantel hatte einen Pelzkragen, aber ich mochte die Farbe nicht. Außerdem war er so groß und lang geschnitten, dass ich mir tatsächlich vorgekommen bin, wie ein kleines Mädchen, das mit den Kleidern seiner Mutter spielt. Ich habe mich am Telefon für diesen Mantel bedankt gehabt. 
Die Freude in der Stimme meiner Mutter, hatte mich beruhigt. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt keine Energiereserve, um erneut um Wahrheit zu kämpfen. Ich hatte, seit ich denken kann, eine feine Antenne dafür, was meine Mutter glücklich werden ließ und sie für eine Weile den Familienmitgliedern gegenüber milde gestimmt sein machte. Ich schien dazu bestimmt zu sein, mein Leben, der sehr komplizierten Stimmungsbalance der Mutter, zu opfern, um größeren Schaden verhindern zu können. Es wäre mir nicht schwer gefallen, meine Mutter zu enttäuschen und ihren Gram auszuhalten, aber ich hätte das Wissen nicht verkraftet, dass sie den Vater und den Bruder deswegen mit ihrer Migräne, ihrer Häme und ihrer vollkommenen Abwesenheit von Liebe und Güte peinigt. 
Und ich hätte es auch nicht verkraftet, wenn ich zur Gänze aus dem familiären Gefüge als Schuldiggesprochene ausgestoßen worden wäre, ausgestoßen und seelisch gesteinigt, wie eine islamistische Sünderin, die eine Ikone vom Altar gestoßen hat. Ich wollte nicht schuldig sein und ich wollte nicht schuldig gemacht werden. Ich wünschte mir eine Mutter, die meine Lebendigkeit nicht fürchtet. Ich wünschte mir, mehr sein zu dürfen, als ein tragendes Mosaiksteinchen in einem Bildnis, das auseinander zu fallen drohte. 
Ich habe davon geträumt, dass ich eines Tages von Freien in Freiheit mit Liebe und Segen bedacht werden würde. Ich wünschte mir, dass der warme Tau der Mutterliebe mich bejahend nähren möge. Ich weiß mittlerweile, dass die Abhängigen in meiner Familie, nicht lieben können. Aber ich verstehe es nicht. Ich akzeptiere diese Wahrheit nicht. Ich kann dieses Schicksal nicht annehmen. Ich kann mich nicht in eine Demut hineinbegeben, die ein familiäres Gefüge, als sich gegenseitig, in endloser Abhängigkeit Haltende, Erstickte und Erstickende, hinnimmt. Auf die Zeiten meines Kampfes um Gerechtigkeit, ist wieder die Zeit der ermatteten Anpassung gefolgt, in der ich die Tochter meiner Mutter gewesen bin. Ich war tatsächlich zeitweise die liebe Tochter meiner lieben Mutter, die sich in Sprache und Ansicht so nah an die seelischen Bedürfnisse der Mutter anschmiegte, bis ich von mir selbst nichts mehr gespürt habe. Und dann schien manchmal alles ein wenig so, als sei alles gut. Ein zerbrechliches Gefüge, in einer zerbrechlichen, fast schon zerbrochenen Welt. 
 Ich habe mir in den letzten Tagen meinen schwarzen Mantel gekauft.Ich habe eine Hinfahrkarte und eine Rückfahrkarte bezahlt. Ich werde kein Kuvert mehr von meiner Mutter annehmen und ich werde ihr liebes Lächeln nicht zulassen. Ich werde nach Berlin zurückfahren und ich werde meine Mutter nie wieder lebend sehen. Ich werde ihr keinen erneuten Termin meines Kommens in Aussicht stellen, damit sie sich nicht sagen kann, dass da ein Termin ist, auf den sie noch hinleben muss, in ihrem ewigen Ringen um Kontrolle. 
„Von meinem Saft und meiner Kraft soll sie nicht mehr zehren“, so habe ich mir mit erhobener Faust geschworen. Ich habe in meiner Küche auf den Scherben, des an die Wand geworfenen, Porzellans gestanden, das mir meine Mutter nach Berlin geschickt hatte. Ich bin mit blosen Füssen auf dem Porzellan herumgetrampelt, bis sie anfingen zu bluten und die Scherben zu Staub geworden sind. „Asche zu Asche“, habe ich gedacht und bin erschrocken und schluchzend zusammengebrochen. 
Nun bin ich hier in dieser Stadt meiner komplizierten Herkunft und ich stehe vor der Wohnungstür des Elternhauses und lege den Zeigefinger auf den Klingelknopf. Das beklommene Gefühl, das mich hierher begleitet hat, breitet seine schwarzen Flügel über mir aus. Nichts wird mich diesmal tragen, ich werde mich selber schleppen müssen, wenn ich das liebe Lächeln nicht mehr mitlächeln möchte. Mein Zeigefinger hat Mut bewiesen, die Klingel ertönt, aber kein erwiederndes Summen öffnet die Tür. 
Ich blicke hinauf zu den Fenstern der elterlichen Wohnung und sehe kein Licht. „Alles schwarz, alles aus, alles anders als sonst“, denke ich und benutze den Schlüssel, den mir meine Mutter nie weggenommen hat, um ins finstere Treppenhaus eintreten zu dürfen. Ich glaube, diesen Schlüssel benutze ich heute zum ersten Mal. Meine Mutter hat immer auf mich gewartet, wenn sie wusste, dass ich zu ihr zurückkehre. 
Ich bin froh, dass mit dem Benutzen des Schlüssels, automatisch die Beleuchtung im Hausflur anspringt und ich nicht mehr in das Dunkel hineinsehen muss. Ich steige sachte und leise, als wolle ich kein Geräusch mit meinen Schritten hinterlassen, die Stufen der Treppe hinauf und mir ist mit jedem Schritt, als zöge ein Gewicht mich hinab in einen Abgrund, der kein Ankommen kennt. 
Dann stehe ich vor der Wohnungstür der elterlichen Altbauwohnung und das goldene Türschild mit dem eingravierten Namen erinnert mich daran, dass ich hier schon oft gestanden habe und dass ich hier richtig bin. Erneut dreht sich der Schlüssel im Schloss und öffnet eine Tür. 
So muss es sich für Ishtar angefühlt haben, als sie den Weg zu Ereshkigal, an sieben Pforten entlang, gegangen ist. Jede Pforte erhöht eine Spannung, vor der unsichtbaren Bannkraft, aus Geheimnis und Dunkelwelt.
Ich setze die Reisetasche sofort im Flur der Wohnung ab und suche keinen Lichtschalter. Der lange Gang ist mir zu vetraut, als dass ich hier ohne Lichtquelle verloren bin. 
Ich halte den Atem an und lausche in die Wohnung hinein. Ich warte auf ein Zeichen, das mich noch heute Nacht zu meiner Mutter führt. Mir ist wieder bewusst, dass ich meinen eigenen Mantel trage und gekommen bin, das erwartete Lächeln meiner Mutter sterben zu machen. Ich fühle mich beklommen und schäme mich für mein Vorhaben. 
Meine Augen haben sich rasch an die Dunkelheit gewöhnt. Sie streifen prüfend über die Reihe von Türen, von denen ich genau weiß, in welches der Zimmer sie führen. 
Mein Blick bleibt am Boden, vor der Schlafzimmertür der Eltern, hängen. Dahinter vermute ich den Schlaf meiner Mutter, doch ein winziger Lichtstrahl, der sich unter der Türritze zu mir hinausschiebt, scheint mich zu sich zu winken. 
Der Wink des Lichtkegels wird von einem eigentümlichen gurgelnden Geräusch begleitet, das ich nicht sofort identifizieren kann. Meine Hand ruht bereits auf der Türklinke, die ich vorsichtig nach unten drücke. Ich stehe in der Tür, das Schlafzimmer der Eltern ist durch das Nachttischlicht spärlich beleuchtet. 
Meine Mutter sitzt in ihrem weißen, mit rosa Rosen bedruckten Nachthemd auf der Bettkante. Sie hat mir den Rücken zugewandt............................................................................................!


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