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Mittwoch, 2. Januar 2013

Protokoll-aus-Schnitt!

"Menschenlichter im Tollhaus": Der Engel. Prolog!





Eine Esche weiß ich, heißt Yggdrasil,
Den hohen Baum netzt weißer Nebel


Erwin Olaf by pleter mustered @ flickr


Prolog 


Ich erwache im Nebelland der Menschenlichter. 
Die dichten Nebelschwaden gefallen mir sehr. 
Sie tauchen die Szenerie in ein eigentümliches Licht-Dunkel, überziehen die Atmosphäre mit einem exklusiv anmutenden Odem: Dem Nebelduft der Ideen. 
Nichts scheint greifbar nah oder messbar fern zu sein, alles verschwimmt in der Auflösung winziger Wassertröpfchen, aus denen die Nebel sind. 
„Die Nebel sind schön“, singt es in mir und voll Neugier blicke ich um mich. 
Die Sprache der Menschenlichter, durch die sie auch die Gedanken denken und lenken, wurde mir auf meine Reise mitgegeben und ich fühle den Sog ihrer Anziehungskräfte wundersam auf mich einwirken. Menschenlicht will ich nun werden. 
Und bin doch zunächst nur im Zwischenreich menschlicher Ideenfluchten, aus denen sich Ihre Manifestation erneuert und speist. 
Der Nebel ist schön und der Nebel ist mir vollkommen vertraut: 
Meine Ruhe im Nebel, dieses Auf und Ab des weißlichtigen Gewebes. 
Diese Wärme der alles bedeckenden Feuchte. 
Mein Gefühl des sich Auflösens im Nebellicht, als sei ich Gedicht und Gesicht. 

Der hohe Rat hatte mich vor meiner Reise gefragt, ob ich bereits eine Vorstellung davon habe, in welchem Land ich zuerst abgesetzt werden wolle.

„Ich will zum Menschenlicht, ins Tollhaus!“ hatte ich unwissend geantwortet.

„Und in welche Mythologie willst du zuerst hineinspringen, um Dich mit ihrer Ideenwelt vertraut zu machen, aus der sie sich erfinden und zu finden glauben, im ewigen Auf und Ab der Gezeiten?“ fragten sie weiter.

Und da ich erneut keine Antwort wusste, nicht einmal eine Antwort zu erahnen verstand, beschloss sich der Rat untereinander und teilte mir mit, dass ich mich überraschen lassen sollte, denn eigentlich sei die eine Mythologie der Menschenwelten mit jeder anderen Mythologie identisch.

„Alles Eins!“ Sagten sie mir, „alles ein und dasselbe, geh zu den Nebeln! 
Sie werden Dir vertraut erscheinen!“

Nun stehe ich hier. Ich bin eine Entität aus reiner Energie, somit existent und doch körperlos, aber durch das Wallen des Nebels sehe ich langsam die Umrisse einer nebelig erscheinenden Körperlichkeit entstehen. Die mit mir reisende Sprache des menschlichen Denkens gibt mir für alles die richtigen Namen hinzu. Auch für jeden neu erworbenen Körperteil. Ich weiß dadurch, dass ich hier stehe. 
Ich stehe auf Füßen und ich gestikuliere mit meinen Händen. 
Ja! So weiß ich! So weiß ich es, ohne die Bewusstheit des Wissens! 
Mir gefällt das Kennenlernen mir unbekannter Seinszustände. Für dieses Geschenk fühle ich tiefe Dankbarkeit. Ich kann das Neuland intuitiv erfassen und benennen, ohne etwas lernen zu müssen. 
Ich bin einfach ein zeitloser Teil dieser Nebelwelt geworden. Ich schaue mich weiter um. 
 Noch gibt es nicht viel zu sehen.

Ich stehe vor einem hohen Stamm, es ist wohl der Stamm eines Baumes. Was sonst! 
Der Stamm ist so hoch, dass ich in die Endlosigkeit eines Baumstammes hinauf zu schauen glaube.

Ich spüre wie meine Haut durch die, um den Stamm herum liegende Atmosphäre, von einer angenehmen, warmen Feuchtigkeit durchtränkt wird. Die Feuchtigkeit liegt wie Tau auf meinen Armen, auf meinem Hals und auf meinem Haar, das sich unter der Feuchte zu kräuseln beginnt. 
Ich schaue auf die Rinde des seltsamen Holzes. Einen Augenblick lang folgt mein Blick einer tropfenden Spur von herb duftendem Harz, das den Stamm entlang, seinen Weg zur Erde bahnt, in der die riesenhaft zu denkenden Wurzeln dieses Baumes ihre Heimat finden. 
Die Rinde des Stammes ähnelt der einer Birke, zartes Silber rollt sich in stillem Schönhetsverlangen und Lust an sich selbst und Eitelkeit vielleicht, zu zarten Locken. 
Ich will ein Vogel sein, ich Sphärenkind, und möchte hinauf fliegen, geleitet von der schnurgerade verlaufenden Spur des Baumstammes, in die höchsten Höhen, um den Charakter des Baumes an seinem Laub identifizieren zu können. Die Höhe lockt mich, bis mir auf einmal Flügel wachsen, weil ich ein Adler zu sein wünsche. Mein Wunsch wird mit meinem Gedanken Wirklichkeit. 
Und weil der Gedanke wetterwendischer Existenz entspringt, trage ich als Adler einen Habicht zwischen meinen Augen auf der Stirn. Er gehört zu mir, wie das Wetter der Leben zu diesem Stamm. Doch das weiß ich noch nicht, das ahne ich nur. Ich spanne meine Flügel und spüre wie die Lüfte des Ahnens mich tragen .Ich schlage die Flügel voll Ungeduld solange, bis ich lerne, dass mich die Winde halten, auch und wesentlich lieber, ohne meinen Krafteinsatz. Und nun sitze ich auf einem Zweig, in einem Grün, aus sich im Wind wiegendem, biegenden Wald aus Ästen und Blättern. Elfen kichern im Laub und als eine von ihnen ein kokettes Niesen beginnt, höre ich den mahnenden Donner über uns. Alles verstummt um mich her, ein seliges Lächeln auf den Lippen. 
Der Nebel wird stärker und die Elfe, direkt links von mir, breitet die Arme aus und fängt den Nebel mit ihrer kleinen, schnellen Zunge auf wie Nektar, der aus himmlischem Blau von Fortunas Füllhorn in exzessiver Geberlaune ausgeschüttet wird. Ich bin der Adler der Weisheit, in meinen Stirnfedern nistet der Habicht und ich weiß dennoch nichts. Ich kenne nun den Stamm des Baumes, ich weiß, dass die Götter der Menschenlichtahnen über diesem thronen, der Stamm in einer schwarzen Erde steckt und die Wurzeln in untere Regionen münden, zwischen denen der Fluss Lethe, schwarz wie Teer, träge fließen könnte. Doch ich verstehe nichts. Und Lethe gehört eigentlich, so weiß die Sprache in mir, in eine andere Mythologie.
 Eichhörnchen will ich nun sein, um den Stamm hurtig herunterhüpfen zu können. Rot und leicht, wie ich auf einmal bin, gelingt es mir und ich spüre eine unendliche Freude am Schabernack in mir. Ich rase dem Duft der schwarzbraunen Erde, dem Humus, entgegen, ich lecke am Harz, den ich schon kenne und sitze am Ende des Stammes, auf einem kleinen Gebirge von hölzernen Wurzeln, die in die Erde drängen wie dicke, fettleibige Würmer. Ich knabbere ein Stück Rinde, mit leisem Knacken meiner flinken Zähne und plötzlich drängt der Verwünschungen ausstoßende Kopf, des sicher bösen Drachens, zwischen den Wurzeln durch ein Erdloch empor. 
Der Drache hat ein Stück wider- und widergekäute Wurzel zwischen den langen, gelben Zähnen, die in seinem, durchs Fluchenmüssen geöffneten Maul,  sichtbar für Eindruck auf mich sorgen. 
Ich sorge mich auf einmal um den Baum und will sofort wieder hinauf in die Lichte der ewigen Höhen, vorbei an den goldenen Hirschen, die die feinen Triebe abreißen und verächtlich und seitlich in meine Richtung spucken. Zum Adler hinauf will ich also und Adler sein und doch bin ich nun nicht mehr in der Lage einen freien Wunsch zu entfalten und zum Flug zu veranlassen. 
Ich bin nur helle Haut, durchlässig und dünn, als ich auf meine plötzlich gewachsenen Hände und Arme blicke, die an meiner Zweibeinergestalt, in ewiger Ratlosigkeit, hinabhängen. 
Ich reibe mir die Augen, fühle die Feuchtigket der Erde unter meinen nackten Füßen, spüre den Tau über Gesicht, Nacken und Wangen tropfen und weiß, ich bin nun nichts weiter als Menschenlicht-Körper 
Und vor mir, so weiß ich jetzt auch, steht die Weltesche aus der Edda. 
Im Reich der Weltesche stehe ich ehemaliges Engelsgeschöpf, nicht von der irdischen Welt kommend und doch in die Welt wollend, wartend auf kommende Wunder. 
Aus der Ferne höre ich das Heulen von Fenris, dem gefangenen Grabeswolf. Es wird Zeit! 
Die Nornen sollen mir erlauben, einige Leben zu finden, in die ich hineinspringen will, um ein Menschenlicht zu sein. Wohlan! Ein Blatt fällt aus unendlichen Höhen vor meine Füße. 
Menschenlicht ist Menschgedicht. 
Ist es das? 
Und hinab - oder hinan - oder wohin? - geht’s nun ins Tollhaus. Licht aus! 
Spot an! Voila Menschenlicht- Klappe- die Erste!


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