Paganini´s...

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Mittwoch, 28. Mai 2014

Kapitel No. 2



Tamara de Lempicka: Schlafende


II


Ich habe es satt! Das denkt noch eine Andere. In diesem Moment, vor zweieinhalb Jahren. Also Jetzt. Ich habe es vollständig satt! Denkt sie. Ich habe es satt, zu funktionieren! Ich habe es satt, für das Abendessen zu sorgen! Ich habe es satt, wenn mein Freund über das Sushi herfällt, als sei es ein Wiener Schnitzel! Und ich habe es satt, dass er danach zusieht, wie ich den Tisch abräume! Ich habe es satt, an einem gedeckten Tisch neben einem lebenden Roboter zu sitzen, der am Handy klebend, stereotyp Anweisungen für die kommende Woche an seine Mitroboter weitergibt! Ich habe die Dachterrasse satt, auf der ich nicht sitzen kann, weil die Tauben sie beschmutzen und ich habe es satt, dass er nichts dagegen unternimmt! Ich habe es satt, zuzuschauen, wie ein, von mir, vergifteter Tauberich von seiner Dame gurrend betrauert wird. Tagelang, wohlgemerkt, gurrend und flatternd betrauert wird, wie ich meinen Freund nie und nimmer betrauern würde! Ich habe es satt, mir vorzustellen, wie gut es wäre, wenn ich ihn vergiften könnte! Und ich habe es satt, mir vorzustellen, wie es danach wäre, ohne ein Testament, das an mich denkt! Ich habe meine Abhängigkeit von seinem Reichtum satt und ich habe seine Humorlosigkeit satt! Ich habe es satt, dass er mir den Vorwurf macht, dass ich noch immer tatenlos zusehe, wie er seine Wäsche zu seiner Mutter bringt, um sie waschen zu lassen! Und ich habe es satt, unter ihm zu stöhnen, obwohl ich nur daran denke, dass die Liebe, Gott sei Dank, bei ihm nicht lange dauert! Ich habe diesen Tag satt und den vorherigen Tag habe ich auch satt und den morgigen Tag habe ich Heute schon satt! Satt habe ich Alle! Alles nur noch satt! Ich habe es satt, mir vorwerfen zu lassen, ich würde nur fordern und ich habe es satt, mir vorwerfen zu lassen, es ginge mir nur um sein Geld! Ich bin eine Frau! Ich bin schön! Ich bin ein glamouröses Leben durch Freunde gewöhnt! Ich pflege mein Äußeres und ich weiß mich zu bewegen, in seiner Society! Das kostet Geld! Ich habe es satt, dass er mir dennoch meine Unabhängigkeit vorwirft, die ich beibehalten habe und die Art, mit der ich mein  eigenes Geld verdiene! Ich habe es satt, dass er das Nuttengeld nennt! Nut-ten-geld! Ich bin Maklerin. Verkäuferin, schnauzt er. Oh, wie satt habe ich das! Ich habe es satt, ihn nicht verlassen zu können! Und ich habe es satt, ihm erklären zu müssen, dass ich nur dann an seiner Seite bleiben kann, wenn er meine Unabhängigkeit finanziert und garantiert! Ich habe es satt, diesen Mann ohne Sicherheit und ohne Absicherung ertragen zu müssen! Und ich habe es satt, ihm sagen zu müssen, dass ich meinen Job nur aufgeben werde, wenn er mir eine andere Möglichkeit mit identischen Konditionen aufweist! Ich habe es satt, ihm die Welt zu erklären und ich habe es satt, ihm das Wesen einer Frau nahe bringen zu müssen! Satt habe ich ihn, der mich stört, in diesem luxuriösen Sein, das in letzter Instanz von ihm finanziert wird! Alles das habe ich so satt! 
Und doch schmeißt diese Dame sich nicht mit bebender Brust auf die weiße Wohnlandschaft, um ihren Kummer im hemmungslosen Heulen einer gedemütigten Wölfin zu erlösen. Nein, sie schmeißt sich nirgendwo hin, obwohl sie so satt ist, vom jetzigen Sein. Statt dessen beginnt sie beharrlich die Fingernägel zu feilen, zzzsssszzzzsssszzzzsss begleitet die Feile aus Silber ihr gleichmäßiges Tun. Und so hört sie auch nicht das Drehen des Schlüssels im Schloss und nicht die festen Schritte des Mannes im Vorraum der Penthouse-Wohnung. Hoffentlich macht sie nicht wieder ihr Zickengesicht! Denkt Dieser, doch sein Herz bleibt ruhig im Takt, Bum-Bum, in diesem Augenblick, vor zweieinhalb Jahren. Also Jetzt. Sein Herz bleibt sich sicher, nie wird sie gehen, er ist der reichste Mann der Area. Schwerreich! Schweinereich geradezu! Und sie hört nicht auf, den Fingernagel zu runden und zu glätten, mit Konzentration und Besessenheit, hält dem Heimkehrer aber kokett das Oval ihrer Wange entgegen und spitze Männerlippen dürfen ein „Grüß Dich, mein Schatz!“ darauf drücken. 
Was hast Du zu Essen besorgt? Ah, Sushi. Sehr schön! Wirklich! Könntest Du Morgen vom Italiener…? 
Und sie sitzen gemeinsam am Abendbrottisch und er umklammert sein Handy und spricht Unverständliches hinein. Und das Heute vergeht noch einmal mit dem Heute, das vor zweieinhalb Jahren ist, also Jetzt, ohne dass sie von Trennung spricht. Ein Tag wie viele Tage also. Keine besonderen Vorkommnisse!

An diesem Abend indes, beschließt sie still, sich eine eigene Wohnung zu mieten, die er zu zahlen hat. Aber ihr Herz setzt für einen Pulsschlag aus und zeigt ihre Angst vor Autonomie.
Und er setzt sich an seinen Laptop und berechnet die Bilanzen. 
Heute stimmen sie. Also Jetzt, vor zweieinhalb Jahren. Aber sie stimmen auch Heute noch. Zweieinhalb Jahre nach diesem Tag.
Alles Andere ist Anders!







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