Paganini´s...

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Samstag, 24. Mai 2014

Kapitel No. I.

TickTack-TakTik

I. Episode in 3 Szenen!

Hinweis: Ähnlichkeiten mit lebenden oder nicht mehr lebenden Personen sind rein zufällig, aber denkbar!

Gustav Klimt, Der Kuss



TICKTACK-TAKTIK
Ein Prekariatsroman


I


Alles satt! Habe ich! Denkt sie. Ich habe den Alltag satt! Und ich habe das Helfen satt! Ich habe den Mann an meiner Seite satt! Und ich habe es satt, die Einkaufstüten über dem Fahrradlenker nach Hause zu transportieren! Satt habe ich diese Wohnung! Und satt habe ich diese Stad! Satt habe ich diese Stadt und satt habe ich diesen Tag! Diesen Tag habe ich satt und den vorherigen Tag habe ich auch satt und den morgigen Tag habe ich Heute schon satt! Satt habe ich Alle! Alles nur noch satt! Und dann schmeißt sie sich auf das Bett, das im Wohnzimmer die Couch ersetzt und ihr Körper vibriert vor lautlosem Schluchzen, das sich schließlich doch Raum erobert, gehört zu werden. Und so hören an diesem Tag, auch die Nachbarn, jener Dame, ein Weinen, das Geheule genannt zu werden verdient. Ein Heulen vor Wut und ein Heulen aus Kummer. Ein Heulen, geboren in tiefsten Tiefen, genährt aus angestauten Gefühlen fast jeglicher, unguten Art. Als ihr Mann, drei Stunden nach dem Beginn dieser seltenen Attacke aus Weltschmerz und Kraftlosigkeit, den Schlüssel im Schloss umzudrehen beginnt - in der wohlig-unbewussten Vorfreude auf Heimatklang, gewoben aus Wohnen und Gemeinschaft in Vertrautem - da entgleitet der Schlüssel wegen eines Reflexes, wie ein Zittern, der rechten Hand und fällt auf den steinernen Boden des hallenden Treppenhauses. Klingringklingklingkling, wird das Klirren zum Echo. Was soll schon sein! So beruhigt ihn ein geschwind zu Hilfe eilender Gedanke und tapfer wie ein Kriegsheimkehrer öffnet er, diesmal erfolgreich, die Tür. Das Bild, das sich der, nun doch nach innen kehrenden Männerseele bietet, erstaunt ihn und erstaunt ihn nicht. Es erstaunt ihn nicht, weil es alljährlich so ähnlich anzutreffen ist, was er sieht, es erstaunt ihn indes, da diesmal alles intensiver und überdeutlicher, also geradezu von plakativer Gewalt, an ihn zu appellieren scheint. Ein Appell also, dessen Deutlichkeit nicht, mit ein paar Küssen und zärtlichem Spiel mit den weiblichen Haaren, hinweggewischt werden kann. Diesmal geht es also nicht so leicht wie sonst! Denkt er. Und er erinnert sich, noch Heute, an diesen Gedanken, an diesem Tag. Und Heute ist zweieinhalb Jahre später. Aber Heute ist auch das Heute des ersten Satzes dieser Schilderung jener Begebenheit. Also zurück in dieses vergangene Heute das Jetzt ist. Jetzt! Hypnospeak, Ja! Und da sieht es diesmal nicht gut aus, für den Mann, dessen Atem nun schneller wird. Die Dame des Hauses ist Heute stärker als er. Haha! Triumph! Triumph, den sie nicht einmal spürt. 
Sie also hat es diesmal wirklich satt! Sie hatte es schon oft satt! Aber dieses Mal könnte es Ultimo sein. Ul-ti-mo! Darauf wartet er insgeheim. Das ist kein Warten als Hoffnung. Nein. Er wartet insgeheim, dass es so käme, wie ein immer präsentes Vorwissen es ihm einflüstert. Wie sollte sie das nicht satt haben, was alle Frauen irgendwann satt haben würden, wenn ein besseres Geschick als Potential in ihnen schlummert! Nun also ist es soweit! Unsicher sitzt er neben dem zitternden Körper, der müde vom Weinen, gekrümmt auf der Seite liegend, um Atem ringt. Seine rechte Hand, erneut vibrierend, schwebt über ihr in Höhe des Herzens und traut sich nicht, die Luft zwischen Körper und Hand durch eine Abwärtsbewegung in Schwingung zu versetzen. Nein, er getraut sich in diesem Moment, der Jetzt ist, nicht, die Hand auf ihrem bebenden Körper zur Ruhe kommen zu lassen. Sie scheint das auch nicht, wie sonst, zu erwarten. Sie wartet einfach auf nichts mehr, in diesem Moment. Und das ist das Aussichtslose daran. Ich muss etwas tun! Sagt er sich. Und so fasst er sich ein Herz. Und dreht seinen Kopf um siebenmal 180 Grad, so scheint es ihm, weil sie den ihren, ihn durchschauend, von ihm wegzudrehen beginnt. Doch er gewinnt noch einmal den Kampf, durch Verrenkung und Zähigkeit, und gelangt zu ihrem Mund. Und da finden sie sich, Mund an Mund, in diesem Moment und sind glücklich. Sehr glücklich sind sie. Und so geht ihr gemeinsames Leben vorerst noch einmal weiter. Obwohl sie es eigentlich satt ist! Aber heute hat sie es eben noch nicht satt genug!
Und am Abend diesen Tages, also Heute, schreibt sie ihr Gedicht „Körperschluchzen“ und er sein Lied „Küsse auf der Haut“.





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