Paganini´s...

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Dienstag, 10. Juni 2014

Kapitel No. 5


Gustav Klimt: Schubert at the Piano



V


Aber Lars Dietrich kommt nicht nach Hause. Nicht an diesem Abend, einige Wochen nach jenem Tag, vor zweieinhalb Jahren. Also heute Abend. Lars Dietrich kommt erst mit der Tiefe der Nacht nach Hause. Nach Hause zu seiner Frau. Oder besser: In das Bett hinein. Zu seiner Frau. In das Bett von Luise, der erschöpft Schlafenden. Genau genommen, kommt Lars Dietrich erst am Morgen des folgenden Tages. Nach diesem Abend, an dem Luise das Gedicht TickTack-TakTik geschrieben hat, in dieses Bett  hinein. Ein gemeinsames Bett, das von Luise gesponsert wird. Es ist, noch genauer genommen, exakt 3.25 Uhr, als Lars Dietrich den Schlüssel zu der gemeinsamen Wohnung im Schloss umdreht. Der gemeinsamen Wohnung, die von Luise wohlgemerkt, alleinig bezahlt wird. Seine Frau ist eingeschlafen, weil sie müde gewesen ist. Und seine Frau ist beruhigt eingeschlafen, weil sie Beweise gefunden hat. Heute, das bereits in ein Morgen, nach diesem Heute, übergegangen ist. Und weil Luise weiß: Irgendwann kommt er immer. Der Lars Dietrich. Auch wenn es spät geworden ist, mit Lars und Lars. So wie Heute. So wie Morgen. Lars und Lars Dietrich haben gearbeitet. Zunächst am Arrangement von „Küsse auf der Haut“. Vier absteigende Töne und vier aufsteigende Töne. Klavier und Bass. Dazu der schwebende Text. Wunderbar. Danach an einem ganz wichtigen Baustein des Managements. Einem ganz notwendigen Segment, des Kulturmanagements von Lars und Lars, gewissermaßen. Sie haben gemeinsam an ihrer Außen-Wirkung gearbeitet. Und da ist der wichtigste Baustein die Kommunikation mit den Fans. Ohne Kommunikation kein Fan. So hat Lars einmal zwinkernd zu Luise gesagt. Als diese den roten Schopf zu schütteln begann. Ihr seid peinlich! Hat sie damit vermitteln wollen. Und sie hat gedacht, wieder einmal, dass Lars kein Umgang für Lars Dietrich ist. Keine Klasse, der Mann. So denkt sie. In diesem Moment. Kurz vor dem Einschlafen. In diesem Moment, in dem Lars und Lars das Arrangement zur Seite legen. Fertig! In diesem Moment, in dem sie sich in die weiten Welten des Internet begeben. Lang wird er werden, der Abend. Erst die Tiefe der Nacht, wird Lars Dietrich an die notwendige Rückkehr ins Reale denken machen. Bis dahin lebt das virtuelle Leben! Lars und Lars haben ein Blog als Lars und Lars. Sie haben auch eine gemeinsame Homepage „LL“ und eine Fan-Seite in einem Social Media-Forum. Als Lars und Lars. Dann hat Lars noch eine Homepage als Solo-Künstler und ebenso hat Lars Dietrich eine Homepage als Solo-Künstler. Jede Homepage hat natürlich auch ein Gästebuch. Lars und Lars kommentieren jeden neuen Eintrag höchstpersönlich. Mit ganz viel Liebe! Das kann der Fan erwarten. Das kann er erwarten, dass er hofiert und kommentiert wird. Der Fan. Oder besser DIE Fan. Lars findet soziale Netzwerke im Internet absolut interessant. Hier aquiriert es sich angenehm. Hier findet er sein Publikum. Und so gibt es im WWW auch kaum einen Treff, eine Börse oder ein Cafe, in dem Lars nicht unter seinem richtigen Namen oder einem weiteren Künstler-Pseudonym mitspielt. Hier spiele ich die erste Geige! Sagt er zu seinem Freund. Zu Lars Dietrich. An diesem Abend. Also Jetzt. Und zeigt ihm eine Auswahl von Profilen weiblicher Mit-Spiel-Willigen. Cafe-Leben.de, Paarlauf.de und neuerdings auch Geil.de. Da hat Lars zunächst gedacht, das sei dann doch zu unseriös. Aber nein, aber nein! Die Frauen sind da süß und sentimental, wie überall und nirgendwo. Frau ist Frau! Lars weiß, was Frauen hören wollen. Egal wie ausgekocht sie tun. Sie sind einsam. Sie sind ausgehungert. Sie sehen keine großen Chancen mehr für sich. Ihr Herz versucht es im Internet. Und siehe da! Dann kommt Lars. Er fädelt ein. Er fädelt auf. Und spielt die Geige, bis die Tränen laufen. Er berührt Herzen. Ein Dutzend bestimmt. Ein Dutzend Frauen-Herzen, ist eine gefühlte Million Frauen-Herzen. Und so bekommen seine Songs zunehmend weibliche Vornamen als Titel angepasst. Ein Titel ist ein Fan und ist ein zahlender Publikums-Kopf. Wenn wieder ein Konzert ansteht. Nicht full house vielleicht. Aber gut besucht zumindest. Oder zumindest besser besucht, als es ein Konzert, ohne  vernetzte Werbemaßnahmen, wäre. Luise hat sich bereits über die weiblichen Vornamen gewundert, die häufig, ohne inhaltlichen Bezug, über dem Song-Text schweben. Früher ist Lars berühmt-berüchtigt gewesen für Titel wie „Mondlastendes Kalkül“ oder „Erdender Stern“ sowie „Schnuppenglühen“. Doch die Zeit ist reif. Reif für „Stefanie“, „Monika“ und „Susanne“. Reif für weniger Gewagtes, dafür individuell Berührendes. Die Zeit ist reif für Lars. Sagt Lars kauzig zu Luise. Wenn die ihre Flunsch zieht. Die Zeit ist reif! In diesem Moment! Also Jetzt! Oder Nie! Raunt dann ihre Stimme in sein Ohr. Und ein schändliches Kichern lässt sein Blut zu Eis gefrieren. Luise ist Lars ein Dorn im Auge. Und ein Stachel im Fleisch ist Luise auch. Wie Lars Dietrich sich das gefallen lassen kann, das alles, von dieser Frau, das versteht Lars nicht. Wieso angelt Luise sich keinen Lehrer mit Beamtengage? Fragt Lars genervt in den Raum hinein, in dem auch Lars Dietrich sich befindet. Und Lars Dietrich bleibt stumm. Mit Entsetzen im Blick. Verstört. Aufgeschreckt. Ja, was wohl, wenn Luise sich einen Lehrer mit Beamten-Gage angelt? Was, wenn sie die Großkunst nicht länger zu mäzenieren wünscht. Was dann, Lars Dietrich? Und so flüchtet auch Lars Dietrich, hinter Lars, in die gnädigen Wogen aus vielstimmigen Sympathiebekundungen, die Lars und Lars aus dem WWW entgegen schwellen. Schön ist es, berühmt zu sein. Schön ist es, geliebt zu werden. Heute Abend. Heute Nacht. Von einer Vielzahl kunstbeflissener Damen. Die angezogen sind, von den Gratis-Downloads, wie die Motten vom Licht. Als wäre das Sirenensang. Was sie da hören dürfen. In Bass und Bariton. Schön ist es, auf der Welt zu sein. Schön ist es, Künstler zu sein. Schön ist es Lars und Lars zu sein. Und dann, irgendwann, findet ein erster, morgendlicher Sonnengruß Lars Dietrichs Gewissen. Oh, Luise! Sie soll nicht erwachen ohne ihn, ihren Mann. Und während Lars Dietrich um 3.25 Uhr den Schlüssel im Schloss der ehelichen Wohnung umdreht, schwört Lars einer vierzigjährigen Sabine, den kommenden, um Geburt bettelnden Song, nur für sie zu schreiben. Titel: Sabine! Und Luise murmelt zur selben Zeit im Traum: Es zahlt sich aus. Es gibt Beweise! Und Lars Dietrich legt sich neben seine Frau.
 Alles gut. 
Sie hat ihn nicht vermisst. 
Und die Uhr macht Ticktack. 
Ganz ohne Taktik!








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