Paganini´s...

Sie haben die Wahl:

Sonntag, 31. Mai 2015

Das Haus, Variante II, 2011!

Menschenlichter im Tollhaus:

Variation zu Protokoll VI!
(Unser verspätet eingereichter Beitrag zu den Autorentheatertagen Berlin 2015! Sorry!)


Erwin Olaf Setting: www.flickr.com/photos/hoppenbrouwers/

Das Haus

Eine Frau und ein Mann in einem Haus.
„Das Haus hält mich fest!“
Das sagt er, wenn er gefragt wird. Das sagt sie, wenn sie gefragt wird.
Die Frau und der Mann haben vor 25 Jahren geheiratet.
„Er war meine große Liebe!“, sagt sie.
„Es ist meine Frau!“, sagt er und zuckt mit den Schultern.

Die Frau zieht nicht aus dem Haus aus und sie wird auch nie daraus ausziehen.
Hier wohnt ihr Leben, hier war sie schwanger, hier zog sie ihre Tochter groß.
Er wird das Haus nie mehr verlassen. Wohin sollte er auch ziehen.
Das hat er beschlossen, nachdem er den beschriebenen Zettel auf dem Küchentisch vorgefunden hat:
„Mein Anwalt und ich bitten Dich, das Haus binnen dreier Monate zu verlassen. Ich werde Dir sofort Deine Hälfte des Hauses ausbezahlen!“

„Du störst mich nicht!“, hat er als Antwort auf  die Rückseite des Briefes geschrieben.

Der Satz hat sie ins Mark verletzt.
„Du störst mich nicht!“
Nun, so hat sich die Frau anschließend geschworen, lässt sie sich von ihm nie mehr verletzen.
„Ich habe den längeren Atem!“, sagt sie sich Tag für Tag und sagt das auch zu ihrer Tochter.
Die Tochter trifft sich abwechselnd mit der Mutter oder mit dem Vater in einem abseits vom Haus gelegenen Cafe in der Stadt. Die Tochter trifft sich immer seltener mit der Mutter:
„Ich verstehe nicht, wie Du so grausam zu ihm sein kannst!“, sagt sie zur Mutter.
Noch seltener allerdings trifft sich die Tochter mittlerweile mit dem Vater.
Sie erträgt es nicht, seiner „Verwahrlosung“, wie sie es nennt, zuzuschauen.


„Wo nur noch Kälte wohnt“, sagt die Frau mit erstaunter Stimme „da gibt es keine Grausamkeit!“. Sie versucht nicht, sich der Tochter gegenüber zu rechtfertigen. Die Frau rechtfertigt sich nicht, weil sich das im Haus abspielt, was sich da abspielt. Es gibt kein Zurück, die Fronten haben sich erst verhärtet  und sind dann zu einem neuen, gewohnten Leben geworden, das zu Eis erstarrt ist. 
Die Frau hat vor der Heirat Germanistik studiert und der Mann Romanistik. Sie arbeiteten in der Volkshochschule als Fachbereichsleiter. Hier haben sie sich kennen- und liebengelernt.
Die Frau ist noch immer von fragiler Statur, fein geschnittenes Gesicht, sehr gepflegt, das blonde Haar streng aus dem Gesicht zum Zopf zurückgekämmt.

„Sie sieht aus wie eine Tänzerin“, dachte er sich, als er sie zum ersten Mal gesehen hat.
Er war eine weitaus kräftigere Erscheinung, vital, schwarzhaarig, charmant und ungestüm.
Die Anziehung zwischen den Beiden war sofort sehr stark. Es tat für beide nichts zur Sache, dass die Frau zwölf Jahre älter ist.

 „Ich war die Ältere, die Schönere und die Reichere“, sagt sie heute.
Noch immer hält sie ihren Rücken sehr gerade, etwas Nervöses und Zuckendes beherrscht immer wieder minutenlang ihre Mimik. Ansonsten ist sie eine schöne, ältere Frau, die noch immer auffällt, ohne viel Aufhebens um sich machen zu müssen.

Der Mann ist in den letzten fünf Jahren zunehmend abgemagert. Seine Haltung  ist nicht mehr lässig, wie einst, sondern gebeugt. Sein Schritt ist meist schlurfend, stolpernd fast. Er trinkt immer mehr.
„Die ersten siebzehn Ehejahre waren gute Jahre!“
Das sagt die Frau zu sich selbst, zu ihren Freunden und zu ihrer Tochter.

Die Frau hat nach drei Jahren ihren Beruf aufgegeben und sich um das Haus, die Tochter und den Mann gekümmert. Sie hat Klavier gespielt und ihrer Tochter selbst das Klavier spielen beigebracht. Noch immer gibt sie ab und an Klavierunterricht. Wenn die Töne der Musik heute aus dem oberen Stockwerk, in dem sie wohnt, zu ihm herunterwehen, hat er sich meist mit einem Kasten Bier in seinem Zimmer eingeschlossen. Er hat die Angewohnheit entwickelt, jede einzelne leere Flasche in die Küche zurückzutragen. Da stehen sie aufgereiht auf dem Küchentisch, bis die Frau sie vor seine Zimmertür räumt, damit er sie zurück in den leeren Bierkasten stellen kann. Mittlerweile ist dieses Ritual so ziemlich der einzige Berührungspunkt zwischen den Beiden geworden.


„Ich rege mich einfach nicht mehr über seine Rücksichtslosigkeit auf!“, sagt sie.
Er arbeitet noch immer in der Volkshochschule.
Früher hat er gerne dort gearbeitet. Er hat sein Haus, seine Frau und seine Tochter geliebt.
„Dann ist er verrückt geworden und hat alles zerstört!“, sagt sie.
„Dann hatte ich alles satt und habe mich verliebt!“, sagt er.

Seine Frau hat nicht sofort gemerkt, dass sie betrogen wird. Ihr ist nur aufgefallen, dass er länger in der Volkshochschule blieb, an einigen Wochenenden die Kurse persönlich inspizierte und öfter pfeifend mit offenem Hemd durchs Haus spazierte. Dann pflückte er für seine Frau Sträuße wilder Blumen und flüsterte ihr seine Liebe ins Ohr. Sie dachte, ein leicht eingeschlafenes Glück sei zu ihnen zurückgekehrt.

Heute versteht die Frau nicht mehr, dass sie nicht sofort  misstrauisch geworden ist.
„Ich habe ihn nicht gekannt“, sagt sie.
Sie hatte sich sicher gefühlt in ihrer Liebe, in ihrer Familie, eingerahmt  durch das Haus.
Erst als er eines Tages mit einem Hut auf dem Kopf nach Hause kam wusste sie Bescheid.
„Er kauft sich nicht alleine einen Hut!“
Der Gedanke durchfuhr sie als eine erschütternde Erkenntnis, die nicht mehr von ihrer Seite wich. Der Gedanke nahm ihr den Atem.
„In diesem Moment bin ich zum ersten Mal in meinem Leben gestorben“, sagt sie heute manchmal zu ihrer Tochter. Die Tochter weigert sich stets, die Schilderung der Mutter über deren etappenreiches Sterben zu hören.

„Er hat dich nicht getötet“, sagt sie zu ihrer Mutter.
„Du lebst und er tötet sich tagein, tagaus vor deinen Augen!“
Die Frau liebt ihre Tochter. Deshalb nickt sie am Ende dieser Gespräche. Die Frau weiß, dass die Tochter nicht verstehen kann, dass der Mann sie der Fähigkeit zum Mitleid beraubt hat. Die Frau versteht das alles selber nicht. Sie weiß, dass der Mann leidet. Sie weiß, dass sie einst  gelitten hat. Jetzt fühlt sie nicht mehr, was es heißt zu leiden.

„Ich musste über eine Grenze hinausgehen“, denkt sie oft
„und auf einmal wurde alles kalt“.

„Außer einem Staunen ist mir von meiner Ehe nichts geblieben“, hat sie einmal an einen Freund geschrieben. Dieser Freund hatte gehofft ihr eine Rettung sein zu können.
„Wovor willst du mich retten?“, hat die Frau ihn gefragt. Er hat diesen Satz nicht begriffen.
Als der Mann mit der schwarzen Melone auf dem Kopf  nach Hause kam – später als Morgens beim Frühstück freudestrahlend angekündigt – fiel der Frau ein Feuerzeug aus der Hand. Sie ließ es liegen. Kurz wurde sie von der Angst gewürgt, dass ein Laut in ihrer Kehle aufsteigen würde, der dem lang gezogenen Jaulen eines Hundes gleichen könnte. In diesem Moment also starb sie ihren ersten Tod. Der Mann nahm den Hut vom Kopf, drehte ihn in den Händen und zuckte mit den Schultern.
Sein Lächeln war noch schuldfrei aber verlegen.

„Ich wollte immer genau diesen Hut!“, sagte er.
„Lass uns Morgen darüber reden“, erwiderte die Frau.
Dieser Satz war es, der den Mann verstummen ließ. Er wusste nun, dass seine Frau alles zu wissen schien. Der Mann kennt seine Frau. Er weiß ihre Nuancen zu deuten. An diesem Abend fühlte er zum ersten Mal seine Schuld, die in der Möglichkeit bestand, dass er seine Frau verletzen könnte. Die Frau verbrachte diese Nacht im Gästezimmer. Sie erinnert sich heute nicht mehr daran, ob sie schlafen konnte oder ob sie wach gelegen ist.
„Er ist in diesem Haus und nicht bei ihr!“
Das ist der einzige Gedanke gewesen, an den sie sich  erinnern kann.
Am kommenden Morgen haben die Beiden zunächst kein Wort gewechselt. Die Frau hatte noch den Frühstückstisch gedeckt. Sie hat das getan, weil sie es immer so getan hat in diesem Haus. Die Frau hat sich dann mit ihrem Kaffee erneut in das Gästezimmer zurückgezogen. Bevor der Mann zur Arbeit gegangen ist, hat er an ihrer Tür geklopft.
„Wir reden später“, hat sie durch die geschlossene Tür zu ihm gesagt. Der Mann hat ihre Stimme kaum erkannt.
„Es ist nicht, wie Du jetzt denkst“, hat er geantwortet und mit dem Handballen an die Tür geschlagen.
„Als wäre er es, der wütend sein dürfe“, berichtete die Frau später über diesen Moment. Dann ist der Mann zu seinem Büro gefahren. Den Hut hat er an der Garderobe hängen lassen.
„Das Etikett in dem Hut ist mir nicht bekannt gewesen“, hat die Frau später zu ihrer Tochter gesagt.
„Er hat mir nie erzählt, dass er so einen Hut möchte“.
An diesem Tag hat sie die Fenster geputzt, das Bad geschrubbt und die Bettwäsche gewechselt. Sie ist zum Großkauf gefahren und hat die Vorratskammer gefüllt.
Die Tochter hat zu dieser Zeit ein Austauschjahr in London verlebt.
„Das ist das Glück im Unglück gewesen“, sagt die Frau noch heute zu ihrer Tochter. Der Mann ist pünktlich nach Hause gekommen. Der Schlüssel ist ihm aus der Hand gefallen, als er die Haustür aufschließen wollte. Als die Frau gehört hat, dass ihr Mann nach Hause kommt, ist sie zur Tür gelaufen und hat sie geöffnet.
„Er hat so erschreckend fremd ausgesehen“, sagte sie später zu einer Freundin. Der Mann hat seine Frau zur Seite geschoben und sich an ihr vorbei gedrückt. Er ist im Mantel in das Wohnzimmer gelaufen. Da hat er auf der Couch gesessen. Sein Oberkörper hat gezuckt, die Hände hatte er vor das Gesicht geschlagen. Die Frau konnte  nicht erkennen, ob er weint oder vor Schmerzen schreien möchte.

 „Er hat mich so sehr erschreckt“, sagt sie heute.
Die Frau hat einen Tee vor ihn hingestellt. Sie hat sich auf den Sessel ihm gegenüber gesetzt.
Sie hat ihm zugesehen und sich dann zusammengerissen.
„Erkläre mir bitte, was in dir vorgeht“, hat sie den Mann gefragt. Der Mann hat mit dem Kopf geschüttelt. Als er die Hände vom Gesicht weggenommen hat, war diese Leere in seinem Gesicht. Die Frau hatte diese Leere noch nie zuvor an ihm wahrgenommen.
„Sag Du mir, was  in dich gefahren ist“, sagte er zu der Frau.

„Das ist seine Taktik gewesen“, hat die Frau später berichtet.
„Er hat einfach den Spieß umgedreht und versucht, alle Verantwortung von sich zu weisen“. Sie ist aufgestanden und zur Garderobe gelaufen und kam mit dem Hut zurück.
„Ach, der Hut?“, lächelte er. Sein Lächeln versickerte in seinem bleichen, angespannten Gesicht.
„Ja, der Hut“, sagte die Frau. „Der Hut und Sie!“
Der Mann sah in den Augen seiner Frau den Ernst. Er hat nur zögerlich angefangen zu  berichten.
Es sei „nichts Wichtiges…..Herrgott, ja, eine Affäre….nach all den Jahren…..bis dahin war ich Dir immer treu…versteh doch…!“ und die Frau hat zugehört. Die Frau hatte ihre Hände gefaltet vor sich auf den Tisch gelegt. Ihre Haltung war ihm zugeneigt, sie schaute abwechselnd in sein Gesicht und auf ihre Hände. Manchmal verkrampften sich die Hände so stark ineinander, dass die Fingerknöchel blauweiß angelaufen sind.

“Wie alt ist sie?“
Sie stellte diese Frage in einer kurzen Pause seiner Schilderung eines hübschen, sexuellen Abenteuers ohne Bedeutung für ihn und seine Ehe.
Er sagte, dass das nichts zur Sache täte. Sie beugte den Oberkörper so stark nach vorne, dass ihr Kopf  fast auf den verschlungenen Händen zum Ruhen kam.
Der Mann hat gewusst, dass seine Frau nicht Ruhe geben würde, bis sie dieses Detail erfahren hatte. Er weiß auch, dass sie spüren würde, wenn er ihr nicht die Wahrheit sagen würde.
“Sie ist fünfundzwanzig“, sagte er. Sein Ton ist beiläufig gewesen. Die Frau ist von ihrem Sitz hochgesprungen und hat ihm eine Ohrfeige gegeben.

“Du ekelst mich“, hat sie in sein Ohr geschrieen und das Teeglas mit der rechten Hand vom Tisch gefegt. Als es aufschlug, gab es einen klirrenden Ton von sich. Beide schienen gleichzeitig zu erwachen, als hätten sie die Szene, die vorhergegangen war, nur in einem Film miterlebt.
Die Frau ist in die Küche gelaufen und hat einen kleinen Besen und eine Schaufel geholt und sich niedergekniet und die Scherben beseitigt.
“Das macht doch wirklich nichts“, hat er gesagt.
“Das macht doch nichts“ und diese Worte immer und immer wiederholt, als seien sie ein Mantra.
“Nein, es ist nicht so schlimm“, hat sie gesagt, “ich hab´s gleich wieder“.

Am nächsten Tag hat sie darüber nachgedacht, dass die zerbrochene Tasse noch aus ihrem Elternhaus gestammt hat. “Auch das noch“, hat sie gestöhnt. “Auch das noch!“
Doch zuvor und nach der Ohrfeige wurde nur noch das Notwendigste gesprochen.
„Wir sind wie lauernde Katzen umeinander geschlichen, aber wir sind höflich zueinander gewesen“, hat die Frau später zu ihrer Tochter gesagt.

„Das waren noch Zeiten“, denkt sie heute. „Das waren noch Zeiten jenseits der Hölle!“
Die Frau hat in den folgenden Nächten nach dem Geständnis Ihres Mannes im Gästezimmer geschlafen. Sie hat ihn nicht berührt und sie ist auch vom Mann nicht berührt worden. Am fünften Tag haben einmal die Finger des Mannes zufällig über die Handfläche der Frau gestrichen, als sie gemeinsam, schweigend und höflich, den Abendbrottisch gedeckt haben. Die Frau hat sofort die Hand weggezogen. Er hatte seither Morgen für Morgen den Hut an der Garderobe hängen lassen. Er ist Abend für Abend pünktlich nach Hause gekommen. Er hat in keiner Nacht an der Tür der Frau geklopft.

„Er ist in jener Zeit brav gewesen und ich habe das mit Höflichkeit erwidert“, sagt die Frau heute.
Als der Mann spürte, dass die Frau ihm bei seiner leichten Berührung die Hand fortgenommen hat, wurde er wütend.
„Du leidest nicht!“, hat er zu ihr gesagt.
„Ich bin derjenige, der leidet!“ Die Frau hat ihn angesehen. Sein Blick war ernst und ohne Hohn.
Die Frau hat sich hinsetzen müssen.
„Was erwartest Du von mir?“, hat sie ihn gefragt.
„Willst Du Verständnis?“ Die Frau fing nun an, in sich hineinzukichern und bedeckte die Augen mit den Händen.
Und er hat angewidert „Ja!“ gesagt.
Und sie hat gesagt „Nein!“
„Dann eben nicht!“, hat der Mann gebrüllt. Er ist zur Garderobe gelaufen und hat den Hut genommen. Die Frau hat gehört, wie die Haustür zugeschlagen wurde und der Mann mit dem Auto davongerast ist.
„Dann eben nicht!“, hat die Frau gedacht.

„In mir ist alles ganz still gewesen“, hat sie später zu ihrer Tochter gesagt.
Die Frau ist in das Badezimmer gegangen. Sie hat sich vor den Spiegel gestellt. Sie hat sich mit Wattepads das Gesicht abgeschminkt. Sie hat sich dabei beobachtet und sich prüfend in die Augen gesehen.
„Auch gut!“, hat sie zu sich gesagt.
Dann hat sich die Frau an die weißen Kacheln der Wand gelehnt und ist langsam in die Hocke gegangen.
„Er ist jetzt mit ihr“, hat sie sich gesagt und gewartet, was sie bei diesem Gedanken wohl fühlt. Die Frau ist nach einer Weile der Erstarrung wieder aufgestanden, sie hat sich die Badewanne gefüllt  und hat sich ein Bad genommen.

 „Ein albernes, kleines Lied hat in mir gesungen“, erinnert sie sich noch heute.
„Voulez vous coucher avec moi!“
Die Frau ist in der Badewanne gelegen und hat das Lied vor sich hingesummt. Dann ist sie aus der Wanne gestiegen und hat sich den Bademantel angezogen. Sie ist ins Untergeschoss des Hauses in ihr neues Rückzugszimmer gegangen. Dort hat sie hinter sich die Zimmertür abgeschlossen. Sie hat sich an die Tür gelehnt und ist erneut an der Tür hinuntergerutscht und in sich zusammengesunken.
„Ich bin erst eine Ewigkeit später in mein Bett gekrochen“, hat sie später ihrer Tochter berichtet. Die Frau weiß heute nicht mehr, ob sie in jener Nacht geschlafen hat oder ob sie wach gelegen ist oder ob sie weiter dieses Lied vor sich hergesummt hat. In jener Nacht also ist die Frau zum zweiten Mal gestorben.

Am nächsten Morgen hat die Frau zum zweiten Mal den Frühstückstisch wie ein Automat gedeckt. Sie hat die Kaffeemaschine angestellt. Sie hat zwei Gedecke aus der Vitrine genommen. Dann hat sie sich einen Kaffee eingeschenkt und eine Zigarette angezündet. Die Frau hat auf die Uhr gesehen. Sie hat sich noch eine Zigarette angezündet. Dann hat sie das Gedeck, das für den Mann bestimmt gewesen ist, wieder zurückgestellt. Danach ist die Frau ins Bad gegangen. Sie hat geduscht. Sie hat sich geschminkt. Sie hat sich mit Bedacht gut angezogen.
„Ich träume das alles nur“, hat sie gedacht.

„Irgendwie ist der Tag vergangen“, hat die Frau später zu einer Freundin gesagt. „Ich habe viel gelesen und ich habe viel Fernsehen gesehen“.
Die Frau hat gewartet.
Der Mann ist am Abend mit Verspätung in das Haus gekommen.
Den Hut hat er nicht auf dem Kopf getragen und er hat ihn auch nicht verlegen in den Händen gedreht. Der Mann ist ohne den Hut nach Hause gekommen. Die Frau hat auf der Couch gesessen und ein Buch gelesen.
Sie hat zur Begrüßung nicht den Kopf gehoben. Der Mann ist sofort, noch im Mantel, zu der Frau ins Wohnzimmer gelaufen
.
„Ich komme gleich zu Dir“, hat er gesagt.
„Ich will erst duschen!“
Dann ist er die Treppe hinauf ins Bad gelaufen.
„Ich weiß bis heute nicht“, hat die Frau später einem Freund erzählt, „ob er mich mit diesem Satz provozieren wollte, oder ob ich es als Höflichkeit verstehen sollte“.
Als der Mann zu seiner Frau zurückgekommen ist, hat er über das ganze Gesicht gestrahlt. Die Frau  hat nur kurz die Augen gehoben. Dann hat sie weiter in ihrem Buch gelesen.

„Du siehst glücklich aus“, hat sie zu ihm gesagt. „War es schön für Dich?“
„Ich liebe Dich“, hat der Mann gesagt. „Ich liebe Dich!“
Die Frau hat das Buch zugeklappt.
„Danke“ hat sie gesagt, „meine Nacht war auch entzückend!“
Der Mann hat seine Frau angeschaut. Sein Blick ist auf ihrem Hals gelegen, hat ihre Augen gestreift und blieb an ihren Händen kleben.
Die Frau hat die Hände aus seinem Blickfeld gezogen, sich an den Hals gefasst und über das Haar gestrichen.
Dann hat der Mann  angefangen zu weinen. Zuerst war   es nur eine Träne, die über seine Wange lief. Dann begann das ganze Gesicht zu zucken, als habe er epileptische Krämpfe.    
„Ich liebe Dich“, hörte sie ihn stereotyp sagen.
„Ich liebe Dich!“
„Hör auf“, flüsterte die Frau.

Zuerst ist ihre Stimme erstaunt und leise gewesen und dann immer lauter und immer noch lauter „ Hör doch einfach auf!
Hör auf dir etwas vorzumachen“ schrie sie weiter. „Wenn du mich liebst, dann schlafe nicht mit dieser Nutte“.
Der Mann ist ruhiger geworden. Seine Augen hielt er nun geschlossen.
„Wenn ich mit ihr schlafe“, hat er gesagt, „schlafe ich auch mit Dir“.
„Oh“ sagte die Frau, „wie schön!“
Dann ist die Frau aufgestanden und in ihr Zimmer    gegangen. Sie hat sich bekleidet auf ihr Bett fallen gelassen. Sie hat sich gestreichelt und sie hat seinen Namen geflüstert und sie hat sich erinnert.
„Oh nein“ hat sie gedacht. „Oh nein, wir schlafen nicht zu Dritt!“

Der Mann hat noch im Zimmer gesessen. Er hat sich einen Cognac eingeschenkt. Er hat auf dem Handy eine SMS empfangen. Er hat die SMS erwidert. Er hat sich noch einen Cognac eingeschenkt. Und dann noch einen. Dann hat er an die Tür seiner Frau geklopft. Als sie keine Antwort gegeben hat, hat er versucht, gegen die Tür zu treten.
„Du bist meine Frau“, hat er bei jedem Tritt gesagt. Als er von der Tür zurückweichen musste, vor Erschöpfung und plötzlicher Mutlosigkeit,
Da sprang die Tür einen Spalt weit auf.

„Oh“, flüsterte der Mann. Er war zu diesem  Zeitpunkt sehr angetrunken.
„Oh, sie ist offen“. Er stieß die Tür auf. Der Mann sah seine Frau lachend und glucksend auf dem Bett liegen und sich vor Vergnügen winden.
„Ich dachte, nun bin ich verrückt geworden“, sagte sie.
Die Nacht ist für den Mann und die Frau lang geworden.
„Feuchte, verknotete, glückliche Körper mit Seelen darin!“
So hätte der Mann diese Liebesnacht in früheren Tagen der Frau am Frühstückstisch noch einmal aufs Brot geschmiert. Und sie hätte dazu ihr unbestimmtes Lächeln gelächelt.
An diesem Morgen ist die Frau als erste wach geworden. Sie hat sich aus der Umklammerung ihres Mannes gelöst und ist hinauf ins Bad gegangen. Sie hat sich prüfend in die Augen geschaut.
„Ich habe schrecklich ausgesehen“, hat sie später einer Freundin erzählt.

Aber diesen Satz hat sie mit einem mädchenhaften Gekichere begleitet. An diesem Morgen war sie voll von der Liebe zu ihrem Mann.

„Und voll von meinem Triumph“. So schrieb sie in ihr Tagebuch. Der Mann und die Frau haben gemeinsam den Frühstückstisch gedeckt und wechselseitig das Brot bestrichen und den Kaffee eingeschenkt. Dann hat der Mann gefragt, ob er sich für einen Tag vom Job krank melden solle.
„Oh Nein“, hat sie gesagt, „wir reden später“.
„Natürlich“, hat er geantwortet. Er ist ins Bad gegangen, er hat geduscht, er hat seiner Frau einen Kuss gegeben und er ist wie jeden Morgen zur Arbeit gegangen.
„Ich habe versucht, mich den Tag über zu sortieren“, hat die Frau später zu ihrer Tochter gesagt. Die Frau hat überlegt, wie eine Frau in dieser Situation vorgehen solle.
„Ich muss ihn vor die Wahl stellen“, hat sie  zu sich gesagt und versucht bis zum Abend standhaft zu bleiben.

Ihr Mann hatte am Abend Konzertkarten in der Hand. Er hat seine Frau leidenschaftlich auf den Mund geküsst  Die Frau ist errötet und hat den Kopf weggedreht.
„Wir müssen reden“, hat sie ihn gebeten. „Ich habe heute nachgedacht“. „Natürlich“, hat der Mann gemurmelt. Er ist im Bad verschwunden und erst nach einiger Zeit blass und übermüdet wirkend zu seiner Frau ins Wohnzimmer gekommen. „Natürlich, meine Liebe“, hat er zu ihr gesagt.
„Es ist ab heute vorbei mit dieser anderen Frau“, hat sie gesagt. „Ja, es ist vorbei“, hat er gesagt. „Es ist vorbei!“ „Hast Du es ihr gesagt?“, hat sie gefragt. Der Mann hat genickt.
„Ich habe ihr auf ihre sms heute nicht mehr geantwortet“, hat er gesagt.
„Du sagst es ihr Morgen oder Du rufst Sie heute noch an“, hat die Frau gesagt.
„Ja, ich rufe sie an“, hat der Mann gesagt. Dann hat er einen Champagner aus dem Kühlschrank geholt, zwei Gläser eingeschenkt und seiner Frau mit seinem Glas zugeprostet.
„Du rufst sie sofort an“, hat die Frau zu dem Mann gesagt.
„Ja“, hat er gesagt. „Ja!“

Der Mann ist auf den Flur hinausgegangen und die Frau hat ihn leise und eindringlich sprechen hören.
„Es macht doch keinen Sinn“, hat sie ihn sprechen hören,  ich werde meine Familie nie aufgeben“, und all die Sätze, die ein verheirateter Mann einer Geliebten in einem mittelmäßigen Fernsehfilm zu sagen pflegt.
„Ich habe seiner Entscheidung nicht geglaubt“, hat die Frau gesagt. „Aber ich habe gewusst, dass er uns nicht verlieren will“. 
Als der Mann zu der Frau ins Wohnzimmer gekommen ist, hat sie ihn prüfend angesehen.  Der Mann hat mit den Schultern gezuckt
„Es ist vorbei!“, hat der Mann gesagt.
„Es muss vorbei sein!“, hat seine Frau gesagt.
„Ich bin da!“, hat der Mann gesagt.
„Dann sei bei mir“, hat seine Frau geantwortet. Sie hat ihm auf die Stirn getippt und mit dem Zeigefinger sein Herz umkreist.
„Da drin sei nur bei mir! Hörst Du?“

Der Mann hat ein wenig verlegen gelächelt. Die Frau hat sich auf die Coach fallen lassen. Sie hat die Hände vor das Gesicht geschlagen. Die Frau hat angefangen zu weinen und mit den Fäusten schlug sie abwechselnd auf die Armlehne und auf ein Kissen. Der Mann stand regungslos vor seiner Frau. Er stand wie erstarrt und hat sich gewundert, dass er nichts bei diesem Anblick zu fühlen wusste. Der Mann hat gewartet, bis seine Frau müde wurde und nur noch von einem leisen Weinen in den Schlaf getragen wurde. Dann hat er vorsichtig seine Arme unter ihren Körper gleiten lassen, sie an sich gepresst und die Treppe hoch getragen. Im gemeinsamen Schlafzimmer hat er sie angezogen aufs Bett gelegt und sich an sie geschmiegt und ihre Hand gehalten. So hat ein neuer Tag begonnen.

„Im Großen und Ganzen haben wir unsere Ehe so weitergeführt, wie es uns zur Gewohnheit geworden war!“
Das hat die Frau in ihr Tagebuch geschrieben.
„Nur dass die Sicherheit und Selbstverständlichkeit in ein beängstigend trügerisches Licht getaucht war“.
Hin und wieder hat der Mann mit der Frau über seine Zeit mit der jungen Frau berichtet. Er ist bedacht gewesen, ihr dabei in die Augen zu schauen. Er hat das nur ungefragt und freiwillig getan. Wenn die Frau ihn in der Folgezeit nach seinen Beweggründen gefragt hat, scheu und zögerlich, hat der Mann die Frau in den Arm genommen oder er hat sie geküsst oder er hat sie gestreichelt. Er hat dann stereotyp „es tut mir leid“ gemurmelt. Die Frau hat bald gewusst, dass er nur freiwillig reden wird und eigentlich hat sie nicht viel von „diesem Flittchen“ hören wollen. Sie hat in der Anfangszeit des Neubeginns sein Handy kontrolliert - heimlich natürlich - und sie hat ihn häufiger als in der Zeit vor dieser Krise im Büro angerufen. Die Frau hat dann gefragt, wann er nach Hause kommt und sie hat seinen Stundenplan überprüft, um seinen tatsächlichen Dienstschluss recherchieren zu können. Der Mann ist in den folgenden Monaten stets pünktlich in sein Haus zurückgekehrt. Er hat der Frau kleine Geschenke mitgebracht und er hat versucht, sie wie früher mit kleinen Slapsticks zum Lachen zu bringen. Der Mann hat seiner Frau das Gefühl vermittelt nur sie zu lieben. Er hat das Handy achtlos auf seinem Schreibtisch liegen lassen. Er hat ignoriert, wenn er die Frau in den Taschen seines Mantels nach etwas suchen sah. Der Mann hat das Misstrauen seiner Frau mit Geduld als Konsequenz seines Leichtsinns hingenommen. Nach einem halben Jahr ist die Normalität in die Ehe zurückgekehrt.

Nach einem Dreivierteljahr ist die Frau zum dritten Mal gestorben.
„Als ich meinen Mann lachend und Arm in Arm mit dieser jungen brünetten Frau gesehen habe, ist meine Ehe zersprungen wie meine Seele“, hat sie später an einen Freund geschrieben.
Die Frau hat ihrer Tochter gesagt, immer und immer wieder, dass „es ein sonniger Mittwoch gewesen ist, an dem ich für meinen Mann einen Anzug in die Reinigung gebracht habe“.
Die Frau ist also mit dem Auto in eine Einkaufsstrasse gefahren, in der sie auch noch den Frisör besucht hat. Sie hat sich noch hellere Strähnchen einfärben lassen und die Haare mit einer leichten Dauerwelle zu üppig aufspringenden Locken verwandeln lassen.
„Ich bin sehr gut gelaunt gewesen an diesem Tag“, hat sie später ihrer Freundin erzählt. Die Frau ist also von dem Frisör direkt zu einer Reinigung auf der anderen Straßenseite gelaufen und als sie dabei war, die Strasse zu überqueren, hat sie ihren Mann gesehen. Die Frau ist sofort wieder auf die andere Straßenseite zurückgekehrt.

„Gott sei Dank ist da gerade kein Auto gefahren“, hat sie zu ihrer Tochter später gesagt. Dann stand sie starr vor ihrem Frisörladen und  hat den Mann lachend eine andere Frau auf den Nacken küssen gesehen. Dann hat sie ihn aus den Augen verloren. Die Frau hat ihren Wagenschlüssel gesucht und sie hat ihn nicht gefunden. Die Frau hat mit dem Handy eine Taxi-Nummer gewählt und niemand ist rangegangen. Die Frau hat die Hand gehoben und in ihre Locken gegriffen und ein Taxi ist stehen geblieben.
Die Frau hat gesagt: „Fahren Sie bitte immer geradeaus “ und der Name der Straße des Hauses ist ihr nicht eingefallen. Die Frau hat eine Freundin angerufen und gefragt, wo sie wohne und die Freundin hat es dem Taxifahrer gesagt. Die Frau ist in ihrem Haus noch im Flur zusammengebrochen.

Als sie erwacht ist, hat sie sich am Boden entlang zum Kühlschrank in die Küche gerobbt und an der Milch getrunken, wie eine Verhungernde. Sie hat sich vor den Kühlschrank gelegt und gewartet, bis der Schwindel im Kopf nachlässt. Dann ist sie mit unsicherem Gang in das Gästezimmer gegangen.
„Ich hab mich ins Zimmer gehangelt immer an der Wand lang“, hat sie einer Freundin später hysterisch lachend gesagt und hat sich dann auf das Bett fallen lassen.

Die Frau hat an diesem Tag nicht auf ihren Mann gewartet. Sie ist in einen tiefen Schlaf gefallen. Als der Mann am Abend in das Haus gekommen ist, hat er nicht sofort gemerkt, dass etwas anders war, als all die Abende zuvor. Er hat erwartet, dass der Esstisch bereits gedeckt worden ist und dass ihn der Duft des Abendessens aus der Küche begrüßen würde. Da kein Geruch ihm verriet, welches Essen auf dem Tisch stehen würde, nachdem er sich aus dem Mantel geschält und die Hände im Bad gewaschen und das Haar einmal durchgekämmt hätte, wie es jeden Abend sein Ritual gewesen ist, deshalb trieb es ihn noch im Mantel in die Küche hinein. In der Tür stehend wunderte er sich, weil nichts im Entferntesten an ein Abendessen erinnerte und weil er sah, dass die Tür des Kühlschrankes offen stand und davor verschüttete Milch ein weißes Wasser gebildet hatte. Der Mann erstarrte, atmete schwer und riss sich den Mantelkragen auf, um besser atmen zu können. Im mittlerweile offen stehenden Mantel konnte er sich noch immer nicht aufraffen, wohin ihn als nächstes seine Schritte tragen sollten, um die Lage tatsächlich zu übersehen. Er starrte in die Milch-Lache und überdachte die Lage. Er hatte keinen Fehler gemacht,   so schien es ihm und dennoch war ihm klar, dass seine Frau hier und in diesem Moment ein Signal gesetzt hatte.

Langsam ging er zum Kühlschrank und schloss die Tür. Dann wischte er mit einem in seiner Manteltasche befindlichen Taschentuch die Milch penibel vom Boden. Das Taschentuch hat er dann zusammengefaltet und zurück in die Manteltasche gesteckt. Dann hat er sich mit der Hand den Schweiß von der Stirn gewischt und ist in den Flur zurückgelaufen. Der Mann ist fast zurück auf Start an die Haustür gegangen, als wolle er darauf warten, dass nun ein sanfter Essensgeruch seine Nase umschmeicheln könnte, jetzt, wo er in der Küche die Spuren verwischt hatte. Er hat sehr langsam und betont ordentlich seinen Mantel an die Garderobe gehängt und dann hat er betont liebevoll den Namen seiner Frau gerufen. Da dem Mann keiner geantwortet hat, ist er zunächst zum Wohnzimmer gelaufen und als er seine Frau da nicht wie erwartet sitzen sah, beschleunigte er seine Schritte, rief ihren Namen noch lauter und blieb schwer atmend vor dem Gästezimmer stehen. Seine Hand hat gezittert, als er die Klinke der Tür heruntergedrückt hat. Dann stand der Mann schwer atmend in der Tür zum Gästezimmer und seine Frau lag derweil schwer atmend auf dem Gästebett.
„Geht es Dir schlecht?“, hat der Mann seine Frau gefragt und sich über ihr Gesicht gebeugt. Die Frau hat da gelegen wie eine Tote, ihre Hände lagen verkrampft auf dem Bauch verknotet, ihr Gesicht glich einer Maske und der Mund war leicht geöffnet. Der Mann schauderte zurück. Er dachte daran, wie er noch vor wenigen Stunden das Gesicht eines lebendigen, prallen Lebens in seiner Hand gespürt hatte.
Und er dachte auch, wie angenehm es vielleicht sein könnte, wenn hier eine Tote liegen würde, die ihn im Weiteren nicht seiner Schuld anklagen werden würde. Und der Mann dachte auch, dass er im Weiteren wohl am Tod seiner Frau schuldig wäre. Der Mann dachte in wenigen Sekunden sehr viel und die Frau schlug mit einem Mal die Augen auf. Die Frau blickte ihrem Mann ins Gesicht und der Mann sah, dass  diese Augen wussten, was er in dem jungen Gesicht gesehen hatte. Der Mann sah in die Augen seiner Frau und wusste wie jedes Mal, wenn er sie sah, dass nur sie seine Frau sein könne. Die Frau aber schloss ihre Augen sofort wieder und sagte:
„Ich will dich nicht sehen!“
Diesen Satz sagte sie wie ein junges Mädchen, das auf Drogen ist. Der Mann hat mit den Schultern gezuckt und das Zimmer verlassen. Die Frau hat sich ihrem Mann an diesem Abend nicht mehr gezeigt. Er hat in der Küche nach einer Dose mit Gulaschsuppe gesucht und sie erhitzt und seine Frau hat sich in ihrem neuen Zimmer eingeschlossen.
„Das Zimmer ist nur vorübergehend mein Domizil gewesen“, hat Sie später einer Freundin gegenüber betont.
„Heute ist es das Zimmer meines Mannes“.
In dieser Nacht allerdings hat es Ihr zum letzten Mal die Tür zum Schutz geboten.

Der Schutz wäre nicht notwendig gewesen. Der Mann hat im Wohnzimmer gesessen und einen Cognac nach dem Nächsten getrunken.
Er ist nicht vom Sofa aufgestanden, um an der Tür der Frau zu klopfen. Der Mann hat in dieser Nacht keine Freude an den Frauen gehabt. Er hatte vielmehr mit jedem Schluck, den er von seinem Cognac nahm, das Gefühl, dass er als Mann auf weiter Flur allein sein Leben zu bestehen habe. Dass ein Mann immer allein seien würde, mit sich und seiner Seele, weil die Frauen nur ein Interesse hinter Ihrer Stirn verbergen würden: Ihn einfangen zu wollen und in ewiger Unfreiheit ohne Rücksicht auf seine wahren Bedürfnisse auslutschen zu wollen.

In dieser Nacht lag die Frau also in ihre Kissen gepresst, kaum atmend und immerfort auf eventuell sich nähernde Schritte Ihres Mannes lauschend. Und der Mann lag in dieser Nacht irgendwann laut schnarchend auf dem Wohnzimmersofa. Als der Morgen die beiden weckte, wussten sie beide auf unbestimmte weise, dass ein Kapitel ihres Lebens unwiederbringlich vorbeigegangen sei, wie die ungeträumten Träume jener Nacht.
Die Frau hat an diesem Morgen nicht den Frühstückstisch gedeckt und kein Kaffeeduft hat den Mann an diesem Morgen begrüßt. Der Mann ist von seiner Frau nicht pünktlich zum Aufstehen wach geküsst worden und er hat sich nicht rechtzeitig ein Butterbrot schmieren können. Der Mann ist an diesem Morgen unrasiert und zu spät zur Arbeit gekommen.
Die Frau hat bis zum Mittag auf ihrem Bett gelegen. Dann ist sie in ihrem Morgenmantel durch das Haus gelaufen und hat das Bettzeug des Ehebettes nach unten ins Gästezimmer getragen und das Bettzeug des Gästebettes ins Schlafzimmer in der oberen Etage.

„Die Zimmer werden jetzt getauscht“, hat sie dabei gedacht und sie hat sich an diesem Gedanken festgehalten, wie zuvor am Zipfel eines Kopfkissens. Dann war es auch schon wieder Abend und die Frau hat sich im Badezimmer eingeschlossen und entsetzt ihr Gesicht mit den Fingerkuppen betastet.
„Alles in meinem Gesicht sieht zerrissen aus“, hat sie  später in ihrem Tagebuch notiert.
Als der Mann am Abend nach Hause gekommen ist - und er ist an diesem Tag betont pünktlich nach Hause gekommen - hat er einen Zettel auf dem Küchentisch vorgefunden:
„Ich bewohne die obere Etage, geh mir aus dem Weg, ich denke nach!“
Der Mann hat ein „O.K.“ unter den Text gesetzt und sich kampflos und schulterzuckend dem Willen seiner Frau angepasst.
Er ist auch manchmal gar nicht mehr nach dem Büro in sein Haus zurückgekehrt. Seine Frau hat in der Zwischenzeit viel und lange geschlafen und das Gefühl gehabt  in einem ewigen Nebel gefangen zu sein. Am zehnten Tag fühlte Sie einen schier unerträglichen Schmerz in ihrer Brust und wankte ins Badezimmer. Sie hat sich kaltes Wasser übers Gesicht laufen lassen. Sie hat dann ihre Fingerknöchel zur Faust geballt dreimal an die weißen Kacheln geschlagen, mit einer Gewalt, die sie selbst erschreckt hat. Dann ist sie in die Hocke gegangen und die Knöchel sind mit ihrem Gewicht an der Kachelwand entlang schrubbend nach unten zum Boden gefolgt. Die Frau hat einen unendlich in die Länge gezogenen Schrei von sich gegeben und dann gewimmert. Als sie sich wieder erheben konnte, hat sie angefangen zu weinen. In den nächsten Tagen also hat die Frau geweint. Am zehnten Tag nach diesem Zusammenbruch hat die Frau ihren Anwalt kontaktiert.
Also hat der Mann  nun den anderen Zettel auf dem Küchentisch vorgefunden, auf dem stand, dass es erwünscht sei, dass er auszieht. Der Mann hat mit den Schultern gezuckt und gesagt, „du störst mich nicht!“

Im Übrigen hat die Frau ihren Mann gut gekannt. Sie wusste, dass er sich nicht von dem Haus und von ihr und von seinem Leben darin verabschieden würde.

„Das ist mein Instinkt für meinen Mann gewesen“, hat sie später ihrer Tochter gesagt.
Der  Mann hat zu diesem Zeitpunkt jede Rücksichtnahme auf die Gefühle seiner Frau fahren lassen. Er ist gekommen und gegangen, wie er gewollt hat, und einmal hat er sogar seine junge Freundin ins Haus gebracht. Die Frau hat in der oberen Etage Gelächter gehört und das Klirren von Flaschen. Sie hat am nächsten Morgen ein Damenhöschen im Besucher-WC in der unteren Etage gefunden.
Die Frau hat es gewaschen und gebügelt auf den Küchentisch gelegt. Dazu hat sie einen Zettel an das Höschen gepiekt, auf dem „Herzlich Willkommen“ stand.
„Ich weiß selbst nicht, was da in mich gefahren war“, hat sie später einer Freundin erzählt. „Ich habe diese Personen in der unteren Etage so unendlich verachtet, und ich wollte, dass sie es wissen“.
So ähnlich ging es über ein dreiviertel Jahr hindurch weiter und dann begann das letzte Kapitel der Ehe.

Der Mann  ist eines Abends pünktlich von der Arbeit gekommen. Er hat seinen verbeulten Hut an die Garderobe gehängt und dort nie mehr heruntergenommen. Er hatte eine Tüte im Arm, die bei jeder Bewegung geklirrt hat. Mit dieser Tüte hat er sich n die Küche gesetzt und den gesamten Abend über getrunken. Am nächsten Tag standen die leeren Bierflaschen und andere Spirituosen  für die Frau sichtbar in der Küche verteilt. Der Mann hat sich in der Volkshochschule krank gemeldet und sich in seinem Zimmer eingeschlossen. Die Frau hat die Flaschen entsorgt.
Die Frau wusste, dass der Mann nun immer pünktlich nach Hause kommen würde. Die Frau hat nichts gespürt, außer einer unendlichen Kälte.
„Wer das spürt, der weiß, dass er über eine Grenze gegangen ist, von der er niemals zurückkomme kann“.
Das hat die Frau einem Freund erzählt, der sie einmal hatte retten wollte.
„Nun ist es soweit“, hat die Frau in ihrer Seele gespürt.
Der Mann hat  sich indessen drei Abende hindurch betrunken. Dann hat er sich geduscht und rasiert und frisch eingekleidet. Er hat in der Küche gesessen, einen Kaffee nach dem Anderen getrunken und auf seine Frau gewartet.
Die Frau ist um die Mittagsstunde heruntergekommen, um ihr Essen zuzubereiten.
Der Mann hat die Zwiebeln geschält, die sie aus dem Kühlschrank geholt hat und er hat die Karotten gehackt. Die Frau hat ihn gewähren lassen.
„Was willst Du?“, hat sie irgendwann gefragt.
„Lass uns neu anfangen“, hat er gesagt.
Die Frau hat ihm in die Augen gesehen und mit den Schultern gezuckt.
„Du störst mich nicht!“, hat sie gesagt
.
An diesem Tag und dem nächsten hat der Mann und die Frau die Speise gemeinsam zubereitet und die Frau hat sie dann alleine im Wohnzimmer gegessen.
Am vierten Tag hat der Mann im Garten die Hecken geschnitten und als die Frau noch immer nicht den Abendbrottisch auch für ihn gedeckt hat, ist er am fünften Tag  wieder mit einer  flaschengefüllten Tüte unterm Arm heimgekommen.
Von nun an hat der stete Untergang des Mannes begonnen.  Abend für Abend schließt sich der Mann in seinem Zimmer ein und stellt die leeren Flaschen auf den Küchentisch. Seine Frau trägt die Flaschen zurück und reiht sie vor seiner Zimmertür auf, bis er sie entsorgt.
„Er begeht vor Deinen Augen Selbstmord“, hat die Tochter neulich zu ihrer Mutter gesagt.
„Ja“, hat die Frau gesagt. In ihrem Gesicht hat der Mundwinkel und die Augenbraue ein wenig gezuckt.

„Das Grauen“, hat sie gesagt, „ist etwas, das ich erkenne aber nicht mehr spüre“.

Die Tochter hat ihre Mutter angefleht, dem Mann wenigstens mit Wärme zu begegnen.
„Ja“, hat die Frau genickt.  Dann hat sie der Tochter die Hand auf die Schulter gelegt und die Tochter hat gespürt, wie die Hand gezittert hat.
Die Frau hat sich an diesem Tag rasch von ihrer Tochter verabschiedet und  ist zurück in das Haus gegangen und hat die vor der Tür des Mannes aufgereihten Flaschen weggeräumt und ist zu Bett gegangen.

„Er ist mein Mann“, hat sie gedacht, „was ist geschehen?“
Und weil sie nichts gefühlt hat, ist die Antwort im Schlaf untergegangen.
Der Mann hat in seiner Unterhose vor dem Spiegel in seinem Zimmer gehockt, eingerahmt von einer Armee aus Flaschen.
„Prost!“, hat er zum Spiegel gesagt.
Er ist nicht mehr ins Bett gegangen. Irgendwann hat ihn der Schlaf auf den Boden hinfallen lassen.
Eine Frau und ein Mann in einem Haus.
Die Nacht hält sie fest.




Das ist, wie o. g. unser, soeben aus der Mottenkiste herbei gezauberter, Beitrag zu den Autorentheatertagen des DT Berlins: 




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